Die Sintflut- Geschichte unter psychologischen Aspekten betrachtet

Die Sintflut- Geschichte unter psychologischen Aspekten betrachtet

Merkens-Wert

Denkens-Wert

Ich glaube, dass die Geschichte der Sintflut mehr transportiert, als eine Lektion in Moral oder Mythologie. Ich glaube, dass sie verwertbare Hinweise darauf liefert, wie der Mensch zu seinem Bewusstsein kam, was seine Stellung und Funktion auf dieser Welt ist und darauf, welche Haltung unser globale Zukunft braucht.

Die Sintflut – unter psychologischen Aspekten betrachtet

Es ist viel geschrieben worden zu den Flutlegenden vergangener Kulturen. Es findet sich eine Fülle an Material zum anthropologischen und archäologischen Herangehen an das Thema, ebenso zum religionsphilosophischen. Wenig beachtet hingegen ist die mythische Deutung der Saga, insbesondere der biblischen, die neben der sumerischen die bedeutendste ist.

Beachtlich bei der biblischen Fluterzählung ist ihre zeitliche Nähe zur Erschaffung des Menschen: gerade mal ein Kapitel nach der Geschichte von Kain und Abel schon stoßen wir auf sie, bibelgläubige errechnen einen Zeitraum von ca. 1600 Jahren- aus dem Geschlechtsregister mit den dazugehörigen Altersangaben, welches dieses Zwischenkapitel bildet.

Von Gottes Urteil „siehe, es war sehr gut“ bis zum „es reute ihn, Menschen gemacht zu haben“, lag eine relativ kurze Zeitspanne, über die die Bibel kaum etwas sagt.

Nur das Auftauchen von Geistsöhnen, Engeln, ist der Erwähnung wert und es geht aus der Schrift nicht hervor, ob diese Wesen nur schlechten Einfluss ausübten- geschlussfolgert wird es, da die „Menschheit verdorben“ war als Noah seinen Auftrag erhielt.

Einen Hinweis finden wir durch die Aussage Gottes in 1.Mo 6,3, der Aufschluss zum Themenkern geben könnte. Gott sagt, dass sein „Geist nicht immerdar im Menschen walten soll, denn auch er ist Fleisch. Ich will ihm Lebenszeit geben hundertzwanzig Jahre.“

Die Frage, ob der Mensch denn vorher noch unbegrenzt leben konnte, lassen wir beiseite; das wäre eine zu wörtliche Interpretation, die mit vorhergehenden Aussagen kollidieren würde.

Vielleicht ging es um ein Thema, dass dem jungen Menschen, dem sich entwickelnden Bewusstsein nun stellte: die Sterblichkeit überhaupt. Im kindlichen Eins-sein mit der Natur erlebte er die Sterblichkeit nicht als bedrohlich. Sie wurde es erst, als der Mensch einen immer stärkeren Ich- Bezug aufbaute und sich der Welt gegenübersah. Er war kein Bestandteil des Weltenlaufes mehr, sondern ein „Ego“ im Kampf mit der Welt. Die erwähnten „Geistsöhne“ können auch als ein höheres Bewusstsein, welches den Menschen aus dem Tierreich erhob, verstanden werden.

Gehen wir davon aus, dass das Gottesbild, welches der Mensch hatte, sich analog zu seiner geistigen und spirituellen Evolution entwickelte, wird es verständlich, dass Gott nun auch „Reue“ über sein Werk empfinden konnte.

Mit der fortlaufenden Loslösung von seiner Naturhaftigkeit wurden auch die Ängste des Menschen komplexer: die Natur konnte „feindlich“ sein, war aber immer noch „beseelt“. Der Mensch befand sich in der Phase des Animismus („Anima“ gr, = Seele) und in dieser wähnte er sich in einer vollständig beseelten Welt, deren Personifizierung Gott war (einen Hinweis darauf finden wir in Kap.5,26, wo davon die Rede ist, dass man in dieser Zeit anfing, den Namen des Herrn anzurufen).

Thomas Naumann sagt in seinem Artikel: „die Sintflut. Biblische und kulturhistorische Streifzüge“: “Diese Mythen reflektieren eine Grundangst der Menschen angesichts der Gefährdung der Welt. Und es gibt keine Katastrophe, die verheerender wirkt und der die Menschen so hilflos ausgesetzt sind, wie die Wasser oder Feuer. So entstehen die Erzählungen von großen verheerenden Bränden und Fluten, die in den Mythen zu weltumspannenden Katastrophen ausgestaltet sind, als Sinnbild äußerster Bedrohung, welche die Menschen treffen können. Erfahrungen regionaler Überschwemmungen können Pate gestanden haben, müssen es aber nicht“.

Gott stand in dieser Zeit noch nicht in Beziehung zum Menschen. Das ändert sich mit der Person des Noah, mit dem „Gott“ in direkten Kontakt geht. Dabei ist im Sinne zu behalten, dass dieser Kontakt nur entsprechend der erfahrenen Lebenswirklichkeit des damaligen Menschen gedeutet werden darf. Eine Personifizierung der Gotteserfahrung oder Gottesbotschaft ist also im Falle Noahs naheliegend. Andererseits war der Mensch selbst untrennbar mit dieser Gottesvorstellung verbunden: das erklärt, warum die biblische Erzählung nicht aus der Perspektive des Menschen, sondern aus der Gottes verfasst ist.

Wenn die Menschheit derart moralisch verdorben war, könnte man natürlich fragen, warum keine Seuche gereicht hätte, um ihr Treiben aufzuhalten und den Planeten zu reinigen. Warum eine Flut, die alles übrige Leben gleich mit auslöschte?

Diese Frage finde ich besonders spannend, weil sie Licht darauf wirft, wie der Mensch zu denken sein könnte.

Die Antwort könnte lauten: weil der Mensch die Kulmination der Bewusstseinsentwicklung auf diesem Planeten ist. Damit trägt er einerseits Verantwortung auch für die Tierwelt (man erinnere sich an den Auftrag Gottes an Adam), andererseits steht er nicht außerhalb der Natur. Er ist untrennbar mit ihr verbunden.

Aufgrund dieser Sonderrolle nebst Verantwortung war es nötig, nicht nur den Menschen zu retten, sondern eben auch die Tiere. Das ist möglicherweise die wichtigste Moral der Geschichte: der Mensch trägt die Welt in sich, sein Schicksal ist mit dem der Welt untrennbar verbunden.

Daher wiederholt Gott nach der Flut den Auftrag Adams „seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde“, diesmal aber in Agonie zur Tierwelt: „Furcht und Schrecken sei vor euch vor allen Tieren“ (Gen. 9,1+2). Das kollektive Trauma der Schöpfung ist der Mensch, das Wesen, in dessen Gestalt sich das Bewusstsein der Erde selbst aus dem tierischen Status „erlösen“ wollte. In der Furcht der Tiere wurde er nun deutlich an seine Verantwortung erinnert. Die Trennung des Menschen von der Natur war nun vollzogen, denn von nun an dienten ihm alle tierischen Mitbewohner der Erde „als Speise“.

Die Abtrennung des menschlichen Bewusstseins vom Rest der Welt wird deutlich in den Versen 21+22 des 8. Kapitels. „Das Dichten und Trachten des Menschenherzens ist böse…solange die Erde existiert, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“. Man könnte dies als den Beginn der Dualität festlegen, dem Zeitpunkt, an welchem eine unwiderrufliche Trennung des Bewusstseins von der ihn umgebenden Welt stattfand. Der Mensch war nun ein isoliertes „Ich“, welches in die Welt gesetzt worden war, in dem er nicht selbst mehr „stattfand“ sondern das Geschick der Welt und seiner Selbst zu lenken imstande war. Er erlebte kein kohärentes Zusammenspiel des Kosmos, in welchem er selbst Teil des Geschehens war, sondern erlebte sich als Opfer davon. Es wundert nicht, dass die Rolle Gottes nun auch so empfand: ein Gott, der seiner eigenen Schöpfung gegenüberstand, der zu reagieren gezwungen war und dessen Reaktionen nie frei waren sondern ein Spiegel menschlicher Emotionswirklichkeit.

Doch gehen wir noch ein wenig auf die Symboliken der Erzählung ein.

Wasser ist (neben seiner Symbolik als reinigendes Element) nicht nur eine vernichtende Kraft und ein essentieller Teil alltäglicher Normalität des Menschen. In der Mythologie, der Traumdeutung und der Tiefenpsychologie wird Wasser mit Bewusstsein assoziiert. Dunkles Wasser beispielsweise steht für das Unbewusste. In der Fluterzählung erfahren wir, dass das Wasser sowohl von obenals auch aus den Tiefender Erde kam. Unter der genannten Prämisse könnte man konstatieren, dass das Wasser „von oben“ das Einbrechen eines „höheren“ Bewusstseins- eines göttlichen Bewusstseins- signalisiert. Zudem berichtet die Bibel von einer „Wasserschicht“ zwischen dem „Himmel“ (also der göttlichen Sphäre) und der Erde. Der Mensch hat nach deren Wegfall nun vollen Zugang zur göttlichen Sphäre- oder umgekehrt? Kann die göttliche Sphäre nun in vollem Umfang „irdische“ Erfahrung (oder Erfahrung überhaupt!) machen? Der Wunsch der „Geistsöhne“, auf diese Erde überzusiedeln, könnte als Hinweis darauf gedeutet werden.

Weiteres Wasser kam aus den „Tiefen“. Man könnte annehmen, dass diese Tiefen ein Hinweis auf die Archetypischen Kräfte sein kann (etymologisch besteht übrigens kein Zusammenhang zwischen dem Wort „Arche“ im griechischen („Ursprung“) und dem lateinischen „Arca“, was „Kasten“ bedeutet und woher sich der bibl. Begriff ableitet).

Der Mensch wurde sich seines Ursprungs bewusst, seiner Herkunft, seiner Abstammung von dieser Welt selbst. Damit wurde er in die oben angerissene Position der Verantwortung gebracht, die er gegenüber dieser Welt trägt. Nun kann er sich dieser Welt gegenüberverhalten: diese Freiheit hatte er weder im Garten Eden, noch später völlig. Er muss sich bewusst gegen seine Tendenz entscheiden, gegen das „böse Trachten seines Herzens“. Nur in diesem sich ständig aktualisierenden Akt, der Hinwendung zum verantwortungsvollen Guten, ist er wirklich Mensch, wirklich „Kind Gottes“. Tut er es hingegen nicht, führt er zwangsläufig einen Kampf gegen das Leben selbst, der zum Kampf gegen die Übermacht des Planeten wird, der dieses Leben in sich trägt.

Lebenkann an dieser Stelle definiert als ein positiv- evolvierendes Prinzip, welches eine Eigenschaft des Kosmos selbst ist.

Das Wasser war am Anfang der Welt, es ist ein Synonym für das Chaos. Durch die Flut wurde die Welt wieder in ein Chaos zurückgebracht, welches immer der Ausgangspunkt einer Ordnung ist. Das Chaos ist das Potential, welches noch unausgerichtet vom Prinzip „Leben“ geformt werden will.

Im Flutbericht der Bibel finden wir eine Fülle an Zahlenmystik, deren Deutlichkeit eine wörtliche Interpretation von vornherein verbieten müsste.

Noah war 600 Jahre alt, als die Flut stattfand: genau 600. Die Sechs steht für das irdische. Die sieben hingegen ist die Höherentwicklung zum Geistigen: je sieben der reinen Tiere musste Noah mit auf die Arche nehmen, sieben Tage nach Schließung der Türe begann der Regen am 17. Tag des Monats und am 17. Tag des 7. Monats kam die Arche auf dem Berg zum Stehen. Auch die 40, die in der Bibel häufig als Schlüsselzahl erscheint, kommt gleich zweimal vor: 40 Tage lang regnete es, und 40 Tage nach Ende des Regens öffnete Noah das Fenster.

Das erinnert an die 40 Tage Jesu in der Wüste: eine Zeitspanne der Transformation. Auch das Volk Israel wanderte 40 Jahre durch die Wüste, nachdem Moses 40 Tage auf dem Berg Sinai zugebracht hatte. Die Zahl 40 wird gebildet aus dem Produkt von 4 und 10. Die 4 steht dabei für das Weltumspannende, Irdische und Vergängliche. Sie symbolisiert die vier Himmelsrichtungen, die vier Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft, die Lebensphasen Kindheit, Jugend, Erwachsensein, Alter und die menschlichen Temperamente. Die 10 gilt als Zahl des in sich Vollendeten, Ganzen: Sie ist die Summe der ersten vier Ziffern 1 + 2 + 3 + 4, bezeichnet die Zahl der Finger und gilt als Symbol des Kreises.

Hier wurde etwas vollständig und etwas wurde transformiert. Von nun an stand der Mensch in einem „Gegenüber- Verhältnis“ sowohl zu Gott als auch zur Welt. Aus diesem Heraus muss eine weitere Transformation entstehen: eine neue Harmonie mit der Welt, diesmal nicht in kindlichem Eins-sein wie im Garten Eden, sondern im Bewusstsein unserer Teilhaftigkeit an dieser Welt und unserer Schöpferkraft, die sowohl kreativ als auch destruktiv sein kann. Nicht Gott ist das überlassen, und nicht Gott ist Inhaber dieser Eigenschaften: der Mensch ist es. Die Erde ist uns „untertan“, egal, wie wir uns verhalten. Wir selbst sind die Schöpfer und tragen göttliches Bewusstsein in uns, denn ohne uns gibt es keinen Gott. Gott und Schöpfung bedingen einander. Wir bringen im Laufe unserer Evolution jede „Sintflut“ selbst über uns, egal in welcher Form.

Es ist an der Zeit, die Puzzlestücke zusammen zu bringen und aufzuhören, die Welt, ihre Geschichte, die Natur und ihre Phänomene als vom Menschen getrennte Erscheinungen wahrzunehmen. Wir Menschen haben genug Erfahrung gesammelt, um zu wissen, was Leid ist und wie man es vermeidet. Wir wissen, dass wir nicht als isolierte „Ichs“ existieren sondern untrennbarer Teil einer komplexen und unüberschaubaren Welt sind. Innerhalb dieser haben wir immer die Möglichkeit uns für das Lebensförderliche zu entscheiden.

Die Entwicklung unseres Gottesbildes vom jähzornigen und machtgierigen Demiurgen zum selbstlosen und voll reflektierten Menschen in Personifizierung des biblischen Jesus ist die Entwicklung unserer eigenen Moral. Nutzen wir diese Entwicklung nicht, stellen wir uns erneut gegen das Leben und vermutlich wird es wieder „reagieren“.

Doch ich bin optimistisch: Wir können die nächste Sintflut vermeiden.

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