Wie kann gesunde Abgrenzung funktionieren?

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Bei allem, was heute auf uns einprasselt und mit welchen Forderungen an Informiertheit und „Verantwortung“ wir konfrontiert sind, übertrifft alles in der Geschichte des Menschen.

Die Überforderung ist die normale Reaktion darauf.

Die biologische Zelle ist ein Vorbild, was gesunde Abgrenzung angeht: sie ist Aufgrund ihrer Membran in der Lage, genau zu unterscheiden, was sie in sich aufnimmt. Gleichzeitig wird sie über diese Membran definiert- also über ihre Abgrenzung.

Radikale Abgrenzung ist allerdings ungesund. Sie braucht das Anders- sein und definiert sich deshalb über ein Feindbild. Sie spaltet damit Teile der Wirklichkeit ab oder blendet sie aus. Dann wird aus Abgrenzung Isolation. Die biologische Zelle würde sofort sterben, würde sie sich so verhalten. Außerdem funktioniert diese Strategie nur solange, bis von irgendwoher wieder Informationen, die ich nicht wünsche, auf mich einstürzen, derer ich mich nicht erwehren kann. Dann bin ich wieder zum Rückzug gezwungen und muss viel Energie darauf verwenden, meine Defensive aufrecht zu erhalten.

Das führt zu einer Verhärtung gegenüber der Welt, die eigentlich fließen will: die Dinge kommen, und sie wollen auch wieder gehen.

Die Gesundheit und Autonomie einer Zelle hängt also vom Verhältnis zwischen Öffnung und Schließung gegenüber der Außenwelt ab.

Und: wir können unsere Aufmerksamkeit zwar lenken, aber nicht kontrollieren: alles, was geschieht, erfährt nämlich in der Wahrnehmung eine Bewertung. Reine Wahrnehmung ist (fast) nicht möglich- sie könnte nicht wahr-nehmen. Eine gewisse Bewertung ist also eine Eigenschaft der Wahrnehmung selbst. Durch diese Bewertung erst wird aus einer Situation oder einem Umstand ein Ereignis, von dem ich betroffen bin. Dabei ist diese Betroffenheit kein Produkt der Ratio, sondern sie wird durch ein Gefühl aktiviert. Die Betroffenheit wird also erst zu einer solchen durch meine emotionale Reaktion.

Die ist aber nicht neutral: alles, was mich in der Gegenwart formt, kann das nur tun, weil meine Bewertung in der Gegenwart durch die Vergangenheit am Leben erhalten wird. Dadurch bin ich immer mit der Vergangenheit verstrickt. Die Vergangenheit „läd“ also meine Gegenwart „auf“, sie füllt sie mit erlebnisfähigen Inhalten.

Wenn ich mir das ganz bewusst mache, kann ich zurücktreten: ich stehe dann nicht mehr „zwischen“ meiner Wahrnehmung und der Welt, die da geschieht. Es gibt dann Ereignisse und es gibt meine Reaktion darauf. Ich BIN aber nicht die Reaktion; ich bin im Kern unantastbar. Meine Reaktion beinhaltet immer eine Bewertung, und die belastet mich. Sie fixiert Vergangenes in der Gegenwart. Je mehr es mir gelingt, mir dieser Verstrickungen bewusst zu werden, umso neutraler kann ich die Gegenwart wahrnehmen, umso leichter wird sie.

Denn: was geschieht in der Welt, ist auch ein Spiegel: in meiner Reaktion erkenne ich, wer ich bin: bin ich gleichgültig oder ängstlich, interessiert oder schockiert, empört oder verzweifelt, weise ich Schuld zu oder zeige ich Verständnis? Alles, was ich erlebe, zeigt mir, wer ich bin.

Ich bin nicht meine Reaktion: in dem Maße, in dem ich mich mit meiner Reaktion  identifiziere, bin ich betroffen. Oder umgekehrt: in dem Maße, indem ich es nicht tue, bin ich frei.

Wie also kann Abgrenzung gesund funktionieren?

Dazu zwei Fragen: 1 Was hat es mit mir zu tun?

Damit kann ich schnell feststellen, ob es mich tatsächlich in dem Maße betrifft, in dem man es mir glauben machen will.

Die zweite Frage lautet: Was hat mit mir zu tun? Und führt nach innen. Wer bin ich ohne dieses oder jenes Thema? Wo liegt meine Lebensfreude? Wobei geht es mir wirklich gut?

Diese Frage hilft, die eigene Identität wieder klarer zu sehen, die eigene Einzigartigkeit, die droht, sich in dem großen aufzulösen, weil sie sich gar nicht mehr findet.

Eine gesunde Zelle ist unempfindlich für schädliche Einflüsse von aussen, weil sie diese beiden Fragen immer richtig beantworten kann.

Mach dich nicht abhängig von den Dingen, die geschehen. Abgrenzung ist dann gesund, wenn sie unterscheiden kann: bin ich unmittelbar betroffen? Oder beobachte ich ein größeres Geschehen? Die Antwort führt immer nach innen. Sie macht dich frei von dem Druck, reagieren zu müssen.

Denn wer weiß, vielleicht ist das Große gar nicht das, was da draußen passiert, sondern wo ganz anders?

Eine gesunde Abgrenzung ist dann keine Strategie mehr, sondern eine natürliche Folge deines Seins.

 

 

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