Wie ist eine Massenneurose möglich?

Oder: Warum glauben wir, was wir glauben?

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Die Schwierigkeit, die sich von vorneherein bei solch einem Thema stellt, ist die Herausforderung, die richtige Referenzgröße für den Begriff „Gesund“ zu finden. Ich bezweifle, dass wir ihn überhaupt definieren können.

Die Neurose ist die Abspaltung bestimmter Dinge, die mit negativen Gefühlen belegt sind. Sie ist das nicht-wahr-haben- wollen einer Wirklichkeit, die einem nicht gefällt. Damit einher geht der Versuch der Vermeidung durch Kontrolle. Die Neurose grenzt sich also übermäßig starr gegenüber Teilen der Wirklichkeit ab und ersetzt diese durch Vorstellungen – oder Wahninhalten.

Der Neurotiker ist also der Mensch, der zwar im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, aber nicht in der Lage ist, die ganze Wirklichkeit zuzulassen, mit der ihn das Leben konfrontiert.

Warum können wir nicht die ganze Wirklichkeit zulassen? Warum haben wir Angst vor der ganzen Wahrheit? Warum sind wir nicht fähig, ganz ehrlich mit uns selbst zu sein?

Die Fragen sind drastisch, Antworten sind einfach. Eine wäre: wir wollen nicht an unseren innersten Ängsten rühren. Wir wollen uns nicht eingestehen, dass wir uns und das Leben als mangelhaft empfinden. Das zwingt uns zur Unehrlichkeit. Wir sublimieren: wir kleiden uns mit Wissen, verstecken uns unauffällig hinter Durchschnittlichkeit oder wehren uns laut im Widerstand und Rebellion.

Die Folge: wir sind nicht wahrhaftig und bemerken es auch gar nicht. Wir übergehen- oder schlimmer: narkotisieren- unsere unterdrückten Gefühle. Deren Unterdrückung wird zur Gewohnheit.

Dabei versäumen wir, hinter unseren Trotz zu schauen. Mein Trotz hat nämlich nicht seine Ursache in dieser bösen Welt, sondern in mir selbst: in meinen Tiefen, in der Ablehnung durch meine Eltern in tausend Enttäuschungen unseres Lebens. Es ist einfacher, den Unfrieden dort nach außen zu projizieren. Wir erkennen nicht, dass unser ganzes Leben zum großen Teil der Versuch ist, uns selbst unseren Wert zu beweisen und deshalb ein einziger Kompensationsversuch. Deshalb haben wir Angst vor der Wahrheit hinter unseren selbst ernannten Wahrheiten. Es ist uns unmöglich, Ja zu sagen zu dem was ist und zu erkennen, dass die ganze Welt EIN gemeinsames Kollektiv ist, das sich genauso verhält, wie es sich verhalten muss. Das System ist von uns –der Summe der Individuen- beauftragt.

Und vielleicht müssten wir uns eingestehen, dass wir uns beim Versuch, unserem Leben Bedeutung zu verleihen – oder einfach nur angenommen zu werden-verlaufen haben. Und das der Versuch, sich nicht lächerlich zu machen, genau dazu führt.

Aber was ist die Täuschung? Die Täuschung ist die Verheißung auf ein besseres Leben. Der Glaube, dass die Gegenwart nicht vollständig, sondern ein Provisorium ist.

Damit kommen wir zu einer weiteren Antwort: wir ertragen Stille nicht. In der Stille wird es laut in uns, denn in der Stille will sich die Wahrheit in uns Gehör verschaffen. Eine Ruhelosigkeit treibt uns. Ihre Ursache ist Angst. Angst, etwas zu versäumen, nutzlos zu sein, vom Leben nicht gelebt und geliebt zu werden. Dieser Angst setzten wir Aktionismus entgegen. Wir glauben dann, dem durch ausreichend Informationen, durch ausreichend Fleiß, durch ausreichend Angepasstheit oder Unangepasstheit die Stirn bieten zu können.

Wir fürchten, unsere innere Stimme- unsere Intuition- könnte zu laut werden. Wir fürchten, wir müssten uns vielleicht lösen vom allgemeinen „Richtig“, was möglicherweise unbequem werden könnte.

Warum also glauben wir, was wir glauben? Warum halten wir es für richtig und sogar anderen Meinungen gegenüber überlegen?

Weil wir glauben, was unserer Disposition entspricht- nur haben wir von dieser Disposition meist wenig Ahnung. Sie ist ja unser stilles Betriebsprogramm. An dem zweifeln wir nicht. Wir haben den Zweifel eher an den verkehrten Stellen.

Warum ist diese Welt so „schräg“? Warum kommen wir so selten auf die naheliegende Schlussfolgerung, dass sie so schräg ist, weil wir für gesund halten, was in Wirklichkeit neurotisch ist? Nein, das sind doch eher die anderen, die Fraktion dort drüben…

Nochmal: Warum glauben wir, was wir glauben? Weil wir unseren inneren Frieden nicht gefährden wollen. Ein stimmiges Weltbild ist uns wichtiger als die ganze Wahrheit.

Was aber nützt Wahrheit, wenn sich keiner dafür interessiert?!

Der Neurotiker hält sich für überaus tugendhaft. Er ist gar eine Instanz der Tugendhaftigkeit. Er sieht sich als Vertreter höchster Werte. Das kennen wir: je tugendhafter ein Mensch, umso fanatischer ist er. Im Durchsetzen seiner hohen Werte interessieren ihn die Kolateralschäden nicht, auch wenn sie seinen Werten naturgemäß entgegen stehen.

Die Tugend, diejenige erhabene Form von Menschlichkeit, welche sich aus dem unreifen Status der Unmündigkeit selbst in die aufgeklärte Reife gehoben hat, kennt viele Gesichter: der religiöse Fanatiker beansprucht sie genauso für sich wie der liberale Politiker. Die Tugend braucht die Abgrenzung. Und plötzlich ist- was gestern noch als intolerant gegolten hätte, heute „tugendhaft“.

Die neue Tugend der Massen-Neurose ist eine Uniform, unter der Begriffe wie SOLIDARITÄT, FREIHEIT, SELBSTBESTIMMUNG oder GESUNDHEIT bis zur Unkenntlichkeit verformt werden. Tugend ist ein Kampfmittel. Wer sich gegen sie stellt, ist unsolidarisch, egoistisch und ein hoffnungsloser Querkopf.

Der Neurotiker will das unvermeidliche vermeiden. Statt es zu integrieren, bekämpft er es. Da das Bekämpfte aber immer nur ein Stellvertreter seiner eigenen, inneren unaufgelösten Konflikte sein kann, muss er es künstlich aufblähen. Das, was er als Problem deklariert hat, ist in Originalgröße meist unbedeutend und unerheblicher Teil des normalen Weltgeschehens. Es erhält seine Dimension und seine Bedrohlichkeit also ausschließlich durch die Zuschreibung des Neurotikers.

Und so findet der Neurotiker Heimat unter heimatlosen Gleichgesinnten. Sie sind verbunden durch die unbewusste Übereinkunft, nicht nach innen zu schauen und dort Frieden zu schaffen. Es ist ein kleines, sich nun einig zu werden, was derzeit als Feindbild und Ursache allen Übels betrachtet werden kann. Feinstaub, CO2, Migranten, ein zur Pandemie hochstilisiertes Virus, ganz egal. Der Neurotiker kann keinen gesunden und authentischen Bezug zur Umwelt haben und deshalb auch keine harmonische und nachhaltige Lebens-Politik betreiben. Er wird weiter darauf warten, dass „man“ eine Lösung findet, eine „Erlösung“ von all den Projektionen und dass dann irgendwann- endlich- wieder das goldene Zeitalter anbricht.

Mit einer gewissen Selbstironie bezeichenen wir uns selbst manchmal als "Normalneurotiker". Das mag in einer zutiefst kranken Welt normal sein. In einer Welt, die zukunftsfähig ist, liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen selbst, an Psyche und Körper gesund zu sein, denn: eine neurotische Welt ist nicht zukunftsfähig. "Erkenne dich selbst!"- und hilf, eine gesunde  Welt mit zu gestalten.

 

Veröffentlicht in Corona, Gesellschaftskritik, Psychologie.

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