Das Phänomen Sekte – eine religionspsychologische Analyse

Oder: Sekte überall?

Das Phänomen Sekte_eine religionspsychologische Analyse PDF

Die Welt ist in unüberschaubarer Weise pluralistisch geworden. Traditionelle Religionen haben an Boden verloren, Sekten hingegen haben Zulauf. Was unterscheidet die Sekte von tradierten Kirchen und individueller Glaubenspraxis? In welchem Sonderstatus befindet sich die Sekte in der religiösen Landschaft? Was sind ihre psychologischen Funktionen? Und: sind die brisanten Dynamiken auch in der Normalität unserer gesellschaftlichen Systeme versteckt?

Religio, die Rückanbindung, war immer der Gegenpol zum diesseitigen, rein materiellen Dasein, ein Gegenpol zur Ratio, zum reinen Verstand, dem es eben nie ganz gelungen ist, alles zu verstehen. Religion orientiert sich an der geistigen Natur des Menschen, die ihn ebenso ausmacht wie seine rein physische Natur. Damit ist sie Teil menschlicher Lebenswirklichkeit.

Die Sekte geht allerdings darüber weit hinaus. Sie erweitert den Menschen nicht, sondern sie engt ihn ein. Sie übergeht den Einzelnen mit seiner Hoheit und Selbstbestimmtheit und macht ihn zum Objekt: er steht also bildlich gesprochen nicht mehr „zwischen Welt und Gott“, sondern er wird zum funktionalen Bestandteil eines autokratischen Gebildes.

Wieso gibt der Mensch diese Hoheit so leicht ab? Der Schweizer Psychologe Hugo Stamm sieht ursächlich dafür die Ängste, die Desorientierung und seelische Defizite, die dem heutigen Menschen angesichts andauernden Wandels der Welt belasten. Die eigene Bedeutungslosigkeit in der unüberschaubaren Welt wird seiner Meinung nach durch einen narzisstischen Rückzug kompensiert. Und ja, narzisstisch ist der Sektengläubige, hält er sich doch für exklusiv vom Weltschöpfer begünstigt oder wähnt sich im Besitz besonderen Wissens.

Im Besitz- dieses Stichwort führt uns zu Erich Fromm. „Haben oder Sein“ heißt eines seiner Hauptwerke, worin er zwischen diesen beiden Arten des Seins unterscheidet. Darin finden wir folgende Aussage:

„Sehen wir Wissen als eine Art des Besitzes an, das uns Sicherheit und Identität verleiht…nimmt es die Eigenart eines Dogmas an, das uns versklavt“. Fromm  geht weiter und zeigt auf, dass der Mensch dazu neigt, sein „ich“ als ein Ding zu sehen, in dessen Besitz man sich befindet, es ist die Basis unserer Identitätserfahrung: wir haben einen Körper, haben einen Namen, ein Alter usw. Die Schwierigkeit leuchtet schnell ein: zu schnell erzeugt diese Wahrnehmungsgewohnheit eine Welt der scheinbaren Objekte, die miteinander in einer Objektbeziehung stehen.

Diese Objektbeziehung hat etwas von einem Geschäft: symbiotisches Geben und Nehmen ist beim Menschen noch um rationelles Kalkül erweitert. Genau das bedient die Sekte. Es ist das Versprechen um einen metaphysischen Preis, allerdings ohne Gewähr, denn die Haftung liegt bei Gott selbst.

Schon Kierkegaard stellte fest, dass Glaube nur echt ist, wenn sich seine Existenz im Glaubenden begründet. Die Sekte objektiviert Glaube UND Individuum und muss schon an dieser Definition als Glaubensinitiator scheitern.

Genauso wie der Ablasshandel der Kirche im Mittelalter nur an die Angst der Menschen anknüpfen konnte und ohne diese nicht funktioniert hätte, kann die Sekte nicht ohne ein Mindestmaß an Angst existieren. Dabei kann diese Angst durchaus subtil sein: die Angst, sein eigenes Potential nicht auszuschöpfen oder überhaupt nicht gut genug zu sein, findet bei der Scientology Sekte ihre Resonanz genauso wie bei fernöstlichen Gurus. Das Leben und die Existenz an sich wird vom Sektenanhänger als ungenügend empfunden, gleichzeitig spricht er sich selbst die Vollständigkeit und das volle Lebensrecht ab. Er will Opfer bringen um sich die Verheißung zu verdienen. Die „Morgenlandfahrt“ wird zum Selbstzweck. Nochmal Fromm: „gemäß der Seinsweise des Habens liegt die Mitte eines Menschen nicht in ihm selbst, sondern in der Autorität, der er sich unterwirft“.

Der Gläubige ist also eigentlich ein ungläubiger, denn er glaubt nicht an sich selbst, an seinen natürlichen Wert, an die Richtigkeit seiner Intuition und an die Richtigkeit des Kosmos so wie er gerade ist. Es fehlt ihm an Vertrauen in das Leben selbst. Er hat nämlich keine klare Vorstellung von dem, was das Leben selbst sein soll, was es im Kern ist. Das verbindet ihn mit der modernen Wissenschaft, die zwar genau die Prozesse beschreiben kann, die das Leben im Biologischen bewirkt, aber nicht deren Essenz und Natur. Es ist wie als würden wir alle Teile eines Fernsehers in ihrer Funktionsweise verstehen, nur ohne zu wissen, was Fernsehen ist.

Die Vermutung liegt also nahe, dass sich Wissenschaft und Sektierertum gegenseitig begünstigen. Und tatsächlich finden wir eine entwicklungshistorische Korrelation. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die meisten Sekten gegründet und das augenscheinlich in den Industrieländern.

Auf der einen Seite des Sektenspektrums finden wir heute die Fraktion, die in der physikalischen Welt einen Beweis für ihre Planung erkennt und damit einen Beweis für die zwangslogische Existenz eines „Planers“. Auf der anderen Seite finden wir die, die in der rein materialistischen wissenschaftlichen Erklärung eine Skelletierung der Welt sehen, die Vereinseitigung der Existenz und ihre Reduzierung auf ein rein chemisches Zufallsereignis.

Beides liefert radikalen Metaphysiken reichlich Nährboden. Beides polarisiert und teilt die Welt in ein Entweder- Oder auf. Damit knüpft die Sektenlehre an die anthropogene Sehnsucht nach einer erklärbaren und wahren Welt an. Aber auch die spirituelle Sektenszene tappt in diese Falle, auch wenn sie es nicht gerne sieht: durch Dogmatisierung wird die Welt eben gerade nicht transzendiert, auch wenn das auf der Agenda steht. Wenn meine Erfahrung und Selbstwahrnehmung nicht ihre Quelle in meinem Innern hat, muss sie zwangsläufig Vorstellung, ein „Imagio“ sein. Ich bin dann nicht mehr der Welt ein unmittelbares Gegenüber, sondern da ist etwas dazwischengeschaltet; ein Prinzip und Konzept, welches voreingestellt ist und dualistisch arbeitet.

Der Glaube an die Sektenlehre ist immer zirkulär und daher selbstbestätigend. Deshalb ist er angreifbar. Das ist ein Problem vieler Systeme, denn ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen basieren auf Annahmen, die nicht für sich alleine stehen. Oft sind sie Konstrukte spezifisch menschlicher Wahrnehmung und deren nachgeschalteter Logik. Und noch immer halten wir diese für geeignet, die Welt vollständig abzubilden.

Die Sekte kann als Versuch gesehen werden, das Nichtfestlegbare festzulegen. Die Sekte verspricht Zugriff auf Wahrheit und die Fixierung des Wissens. Das kommt dem entgegen, was als „Auftrag“ menschlichen Bewusstseins gedeutet werden kann: das Sammeln von Erfahrung in einem reflexiven und damit Selbst-bewussten Raum. Im Menschen übertritt Bewusstsein die Ebene schierer Existenz und kann das eigene Dasein beobachten und bewerten. Es fragt. Die Frage ist das kognitive Mittel, die Selbstreferenz des übrigen Lebens zu überschreiten. Mit der Frage wird Dasein erst sichtbar. Die ANTWORT hingegen ist regressiv. Die Antwort will keine Veränderung, sondern Gewissheit. Gewissheit im absoluten Sinne aber ist niemals Merkmal von Existenz, weshalb man an dieser Stelle das Axiom aufstellen könnte: „alle Lehren sind falsch“. Denn: sie können nur Ausschnitte sein, Perspektivenbeschreibungen und wahrnehmungsspezifische Erscheinungen menschlicher Kognitionen.

Der Mensch neigt eben dazu, Antworten als Sicherheiten zu erfahren. Diese Neigung ist beim Sektenangehörigen besonders ausgeprägt. Er wagt das Leben nicht. Er bleibt am Ufer und begnügt sich mit seinem theoretischen Verständnis über Wasser. Das Risiko des Schwimmens geht er nicht ein.

Sekten liefern Antworten, unter deren Gewicht sie zuweilen allerdings selbst zermalmt werden. Das ist bei apokalyptischen und eschatologischen Sekten zu beobachten. Sie sind durch das Ausbleiben ihrer Prophezeiungen gezwungen, immer mehr zum Lifestyle zu werden. Erfüllt sich der prognostizierte und proklamierte Plan nicht, führt sich die Sekte selbst ad absurdum. Sie wirkt im Leerlauf und wird zum Selbstzweck. War sie in ihrem traditionellen Verständnis Werkzeug Gottes, wird Gott nun Werkzeug der Sekte. Er führt als Galionsfigur das Narrenschiff durch den Nebel ins verheißene Land.

Wenn aber aus befristet unbefristet wird- was tun?

Damit berühren wir die nächste Existenzrechtfertigung von Sekten. Sie bilden Identität. Die Sekte vermittelt Werte, die scheinbar über dem Durchschnittsniveau liegen. Dadurch wertet sie ihre Mitglieder in deren Selbstwahrnehmung auf. Leid auf der Welt könnte enden, wenn doch nur der hohe moralische Maßstab der Sekte und im Gleichschritt ihre Heilslehre angenommen würde.

Allerdings wäre das gleichzeitig das Ende der Identitätsbildenden Funktion der Sekte. Denn: die Sekte steht zwangsläufig in Opposition zum Rest der Welt. Die Welt ist der nötige Kontrast, der die Exklusivität der Sekte und ihrer Mitglieder gewährleistet.

Die Sekte hat ein Ziel, und auch damit steht sie der Wirklichkeit entgegen. Wir können nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass Leben und Entwicklung ein definiertes Ziel verfolgen. Unsere lineare Wahrnehmung der Zeit scheint das zwar zu implizieren, aber tatsächlich treffen wir nur auf eine Hypothese, die ein Produkt unserer Wahrnehmung ist. Daher kann die Sekte nur in einem Klima des Mangels existieren: die Gegenwart muss als mangelhaft und damit als provisorischer Zwischenzustand angesehen werden. Das eigentliche Leben ist in der Zukunft verortet.

Sekten bedienen auf infantilem Niveau die Tendenz des Menschen, Wirklichkeiten zu leugnen, die seinem Weltbild zu wieder laufen. Der Theologe und Philosoph Willigis Jäger sagt treffend „ Fundamentalismus ist der Sieg der Angst über den Fortschritt“. Kulturhistorisch gesehen gab es eine deutliche Korrelation des Breitenwuchses von Sekten  und Neureligionen mit der Industrialisierung und später der Digitalisierung. Beides waren spürbare Symptome der veränderlichen Natur unseres Daseins. Fundamentalismus ist die bekannte psychopolitische Reaktion darauf. Modernisierung liefert auch immer eine neue Personifizierungsmöglichkeit für das Böse. Auch das Neue hat etwas Bedrohliches und sitzt von daher schon von Natur aus mit dem Bösen in einem Boot.  Das Neue bedroht das Bewährte, die hart erkämpften Werte, das gesicherte Wissen. Der Fortschritt schafft ab, was meine sichere Gegenwart bildet.

Und so könnte man sagen, dass sich Fortschritt und religiöser Wahn gegenseitig bedingen. Fortschritt und Aufklärung können nie lange alleine bestehen. Beides isoliert voneinander vernachlässigt eben jeweils eine fundamentale Ebene: die der Geistigkeit oder die der Entwicklung.

Manche Sekten bauen ihr Image daher zu einem Zwitterwesen um: es entsteht eine scheinbar progressive und fortschrittliche Struktur, die aber an traditionellen Werten festhält und natürlich Gottes Sprachrohr bleibt.

Damit passen sie sich den identitätsbildenden Forderungen heutiger Lebenswirklichkeiten an. Sie müssen die „Summe der Unwahrscheinlichkeiten“, die sie definieren (Sloterdijk) unempfindlich für Kritik machen, aber nur in dem Maße, dass sie nicht zu sehr in die Nähe des Religionsliberalismus rutschen, denn dort fühlen sich Sektendisponierte unwohl. Sie wollen sich in oben zitierten Narzissmus der Exklusivität ihrer Wahrheit sicher bleiben, was eine allzu progressive Entwicklung verbietet.

Wagen wir uns aber noch etwas weiter vor und verlassen die profan-psychologische Ebene.

War der Mensch noch in Pantheistischen und auch noch in frühchristlichen Epochen durch Gott beseelt, also ein kurzzeitig abgespaltener Teil Gottes selbst, ist er heute ganz im Exil. Spätestens seit der 2. Kränkung des Menschen, der Darwinschen (nach der 1. Kränkung, der Kopernikanischen) ist er zum Aussen- Wesen geworden, also zum Wesen, dass nicht zwangsläufig durchströmt ist vom göttlichen Odem, dessen INNEN seine wahre und ewige Natur darstellten. Nicht der Mensch ist der Spielball des Schicksals der Welten, nein, das Schicksal der Welten ist selbst zu lenken. Die Aufklärung und die französische Revolution waren mit ihren Leitmotiven das Substrat, auf dem Sekten gedeihen konnten. „Habe den Mut, dich deines eigenen GOTTES zu bedienen!“ Der feudal- absolutistische Stand der Kirche musste abgeschafft werden – um ihn durch einen Neuen zu ersetzen. Freilich einer, der nun zum Wohle der Gläubigen dient. Wer nun hier einen durchgängigen Zug menschlicher Natur zu erkennen glaubt, sei beglückwünscht.

In diesem nun abgetrennten Teil neureligöser Lebendigkeit wurde „Gott“ zum völlig transparenten und verstehbaren Aristokraten, als dessen Werkzeug man sich nun fühlen durfte. In einer übermächtigen maschinenhaften Welt war man nun Repräsentant einer ewigen Wirklichkeit. Der Mensch ist in der Sekte ganz zum AUSSEN geworden, er ist verantwortlich für sich und seine Wohlfahrt durch Handeln und Tun. In einer Welt der Fakten und Sachzwänge ist er Delegierter, nicht mehr integraler Teil der göttlichen Sphäre.  Jetzt ist er ganz zum SELBST geworden, obwohl er doch in seiner Natureine Emanation oder Erscheinung der Ewigkeit ist.

An diesem Punkt rühren wir wohl an einem zentralen Problem: die Angst des Menschen vor seiner eigenen Vergänglichkeit, sprich: vorm Tod. Die Sekte verfügt über ein breites Spektrum an Geboten und Verhaltensregeln, die als Versuch verstanden werden können, dem Dunklen, dem Unsagbaren und dem Tod etwas entgegensetzen zu können; das Unkontrollierbare, welches der Tod symbolisiert, soll den Mitteln der Kontrolle unterworfen werden. Es ist der Versuch, sich dem Unentrinnbaren dadurch zu entwinden, dass man ihm ein Gesicht gibt, eine Logik, einen Sinn und es damit erfüllbar macht.

In diesem AUSSEN- sein, ganz Protagonist mit selbst erschaffendem Schicksal, ist kein Platz mehr für nicht-festgelegtes, kein Platz für Vages, kein Platz für die Hoheit über die eigene Geistigkeit und für Privatmystik. Kants Fragen „Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Was darf ich hoffen? und Was ist der Mensch?“ sind unter einem Dachverband beantwortet. Sie brauchen nicht mehr gestellt zu werden um sich selbst zu erkennen.

Vielleicht ist damit der Grund erreicht. Wenn die Angst vor der eigenen Auslöschung nicht auf autosuggestiver, sondern auf zentraler und authentischer Ebene meines Seins gelöst wird, würde die Sekte automatisch überflüssig. Wenn ich mich ganz der Unwägbarkeit und der Vergänglichkeit überlassen kann, bedarf ich keines Heils mehr, denn es ist klar: das einzig wahre Heil trage ich bereits in mir. Ich werde darin vergehen und ich stemme mich vernünftigerweise nicht dagegen. So wie dieser Tag vergeht, so vergehe ich. Aber genauso, wie dieser Tag seinen unausweichlichen Teil in der Ewigkeit beigetragen hat und in dieser Weise unauslöschbar ist, so bin ich das auch.

Veröffentlicht in Psychologie, Religionsphilosophie und verschlagwortet mit , , .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.