Die Sekte namens System

Die Original Veröffentlichung finden Sie unter „http://www.raum-und-zeit.com“. Dies ist eine gekürzte Fasssung.

Was auf den ersten Blick das totale Gegenteil dessen zu sein scheint, das was wir als freiheitlich- demokratische Grundordnung verstehen, nämlich eine totalitäre Glaubensgemeinschaft, also eine Sekte, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als dessen verkleinertes, aber konzentriertes Vorbild.

 

Vor 11 Jahren habe ich im Alter von 36 Jahren die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verlassen. Ich bin darin aufgewachsen. Für mich war die Sekte mein Bezugssystem, die alle Gewohnheiten, alles Denken und eben alle Weltordnung meist unhinterfragt bestimmte. Ich war „in der Wahrheit“.

In den vergangenen 11 Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, welche Ähnlichkeiten die Regeln unserer gesellschaftlichen Normalität mit denen einer Sekte haben. Endlich frei! Das war mein Lebensgefühl, als ich die Zeugen verlassen hatte. Endlich keine Limits mehr im Kopf, keine Denkverbote, keine Dogmen, keine Ausgrenzung mehr. Sicher, ein wenig naiv war das schon. Ganz so frei sind vielleicht die Gedanken, werden sie aber laut, stoßen sie doch überraschend früh an Begrenzungen, die dort eigentlich nicht vermutet werden sollten. Dieser Eindruck ist leider nicht verschwunden; im Gegenteil. Die “Corona- Krise“ hat ihn noch deutlicher werden lassen.

Das wirft Fragen auf: welche Merkmale sind möglicherweise Indizien für verdeckte Intoleranz innerhalb einer Gesellschaft? Ist es möglich, dass genau diejenigen psychologischen Dynamiken, die in einer Sekte zu finden sind, lediglich extreme Erscheinungen anthropogener Gemeinschaftsnatur sind? Ist es denkbar, dass Aufgrund dieser Dynamiken ungesunde oder gefährliche Automatismen entstehen? Und wie steht es dann mit der individuellen Autonomie und Mündigkeit?

 

„Drinnen“ oder „Draußen“?

Dazu muss zunächst klar sein, was eine Sekte definiert und in Folge auch pathologisiert.

Der zentrale Punkt ist der, dass eine Sekte ein in sich geschlossenes System bildet, woraus sich eine in sich geschlossene Logik ableitet. Scheinbar alles ist erklärbar; die Sekte liefert permanent Erklärungen.

Des Weiteren zeichnet sich eine Sekte dadurch aus, dass sich das Individuum den Regeln, Anforderungen und Glaubensdogmen unterzuordnen hat. Hier lässt sich bereits eine gewisse Kerndynamik feststellen: Ich bekomme etwas, zahle dafür aber den Preis der Unfreiheit. Ein Angehöriger einer Sekte sieht das natürlich anders und wird gegenteilige Behauptungen entschieden von sich weisen. Und auch das gehört zum Selbstverständnis eines Sektierers: ich bin frei, ich habe die Wahrheit, ich bin Selbst- und fremdkritisch und reflektiert. Dabei muss er übersehen, dass er sich im Spiegelkabinett des Konstrukts „Sekte“ andauernd selbst manipuliert: die Bemessungskriterien dafür referieren auf festgelegte Größen, auf Paradigmen, die selbst zu hinterfragen wären. Doch wie kann das sein?

Die Antwort liegt in unserem tief verankerten Bedürfnis nach Kohärenz. Ein stimmiges Weltverständnis ist die stabile Größe in uns, der Garant für ein verlässliches Morgen. Probleme wollen gelöst werden; scheinbar Bewährtes ist dabei immer die erste Wahl. Wir Menschen streben zudem danach, möglichst wenig Reibung innerhalb der Gruppe zu erzeugen: das Wir- Gefühl, die Zugehörigkeit, war einst überlebensnotwendig. Und dann ist es ein kleiner Schritt, Konsens zur –vermeintlichen- Objektivität zu machen. Gibt es eine „Objektivität“, dann gibt es auf einmal ein „Drinnen“ und „Draußen“. Objektiv gilt heute das, was als „wissenschaftlich erwiesener“ Konsens verstanden wird. Alles andere ist „draußen“; und damit der „Feind“.

Eine Sekte braucht ein Feindbild, um ihre Existenz zu legitimieren. Der Feind ist eine Bedrohung, die zwar ihr Gesicht oder ihre Gestalt wandelt, aber nie ihre bedrohliche Natur. Der Feind ist nicht integrierbar. Er wird via Projektion am Leben erhalten: er ist Träger alles „Bösen“. Auch hier finden wir eine bekannte Psychodynamik: die Neigung, davon auszugehen, man sei selbst eher im Recht, als der Andere. Tendenziell gehen wir davon aus, selbst über ein solideres Fundament an Informationen zu verfügen, als unser Gegenüber. Das ist sowohl im zwischenmenschlichen Bereich, als auch bei größeren sozialen Gruppen bis hin zum nationalen Selbstverständnis so. In der Sekte geht es dabei soweit, dass auch an offensichtlich unlogischen oder kontraproduktiven Ideen festgehalten wird. Das zerstörerische global-kapitalistische System wäre hierfür eine markante Entsprechung. Das, was in der Sekte die „Welt Satans“ ist, sind im System der Normalität vielleicht die „Rechten“, die Impfgegner oder ein Virus, entsprechend muss es bekämpft werden.

 

Wie „Wahrheit“ erzeugt werden kann

Das ist natürlich nicht die Grundlage echter Toleranz. Wenn durch ein System definiert wird, wie Toleranz auszusehen hat und welche Inhalte und Haltungen davon ausgeschlossen sind, wird die Widersprüchlichkeit deutlich. In jüngerer Zeit war das markant zu beobachten: es genügte, nicht die offizielle Meinung über das Corona-Virus zu teilen bzw. diese zu kritisieren, um das Ende der zulässigen Toleranz zu spüren. Man war auf einmal – zumindest partiell- nicht mehr „drinnen“.

Sekten haben nur wenig Ambiguitätstoleranz, egal wie offen sie sich geben und wie weit ihr Spektrum gesteckt ist. Hier herrscht Ideologietotalitarismus. Daraus ergibt sich, dass Sekten immer ein gewalttätiges Element in sich tragen: die „Wahrheit“, also der gerade aktuelle Konsens, muss verteidigt werden. Es kommt mit der Zeit auch zu Umdeutungen, manchmal zu 180- Grad- Wendungen, aber die sind dem Selbstverständnis nach immer eine Folge eines Entwicklungsprozesses, dem der Einzelne zu folgen hat. Tut er das nicht, bekommt er diese Gewalt zu spüren. Jede Sekte verfügt über ein Gremium, welches die gerade aktuelle Wahrheit festlegt. Hier wird nicht nur festgelegt, was der Stand der Fakten aktuell ist, sondern auch was „richtig“ und „falsch“ ist. Dafür werden Begriffe nötigenfalls umdefiniert oder Wortneuschöpfungen betrieben. Nehmen wir den Begriff der "neuen Realität", die sich paradoxer weise gerade durch die Abwesenheit einer Normalität im herkömmlichen Sinne auszeichnet. Die „Führung“ hat natürlich auch die Hoheit, den neuen Begriff mit Inhalt zu füllen. Diese Inhalte sind dann nicht natürlich gewachsen, sie sind nicht verhandelbar, sie entspringen nicht der natürlichen Dynamik gesellschaftlicher Wirklichkeit.

In Deutschland haben wir inzwischen eine Institution, die sich „Correctiv Faktencheck“ nennt und die sich offen zu dieser Aufgabe bekennt. Abweichende Meinung führt in der Sekte zur sozialen Ächtung, zur Denunziation und im drastischsten Fall zum Ausschluss, denn: abweichende Meinung ist gefährlich für die allgemeine mentale Gesundheit! Egal, wie gut begründet Kritik ist, zeigt die Sekte kein Interesse daran. Sie bestimmt den Konsens und damit den Kurs: wenn heute das Eine „unsolidarisch“ ist (beispielsweise der Besuch einer Demo für die Grundrechte), ist die gleiche Handlung in anderem Kontext gegenteilig konnotiert (wie der Besuch einer Demo gegen Rassismus). Es geht also nicht um den Gegenstand an sich, sondern um meine Haltung dazu, denn die bestimmt, ob ich „richtig“ oder „falsch“ liege. Dazu werden Narrative geschaffen, nicht wirklich festgelegte, aber dafür festgefahrene „Wahrheiten“, die alle eine moralische Komponente haben. Meine persönliche Haltung ist also nie frei von einer moralischen Gewichtung. Sie ist nie „einfach wie sie ist“ sondern immer in einem festgelegten Spektrum von richtig/wahr – und falsch verortet.

Das lässt sich Begriff der „Verantwortung“ deutlich machen. Als verantwortungsvoll gilt (oder galt) jemand, der während der „Corona- Krise“ „social Distancing“ praktizierte- nicht der, der entsprechend seines eigenen Wissens- und Erkenntnisstandes handelte. Das galt auch nicht als Zivilcourage, obwohl es mit ähnlichen Situationen vergleichbar wäre, in denen es als eine Solche gewertet worden wäre. Verantwortung ist damit keine Qualität mehr, die ihre Quelle im Menschen hat, sondern die von außen oktroyiert wird: damit wird der Begriff in seiner moralischen Dimension verkehrt.

Persönliche Freiheit endet also dort, wo das Dogma beginnt. Die Grenzen sind unterschiedlich, aber der Mechanismus ist der Gleiche: „du sollst mitspielen, aber bitte freiwillig! Gezwungen wird niemand!“. Oft genug wiederholt, führt das zu tatsächlich empfundener Freiheit. Das nennt man Indoktrination [1]. Diese Freiheit ist also in Wirklichkeit ein zur theoretischen Größe geschrumpftes Surrogat. Echte Freiheit impliziert immer Verantwortung, genauso wie Verantwortung immer die Freiheit des Anderen schützt. Doch ist es nötig, Ambiguität auch zuzulassen, immer wieder neu auszutarieren, dieses sich ständig wandelnde Feld von Ansprüchen, Anforderungen und Bedürfnissen neu zu bewerten. Freiheit ist eben hoch individuell: Antwort zu sein, individuell auf die Welt reagieren zu können ohne Diktat, welches immer ein Absprechen von Verantwortung ist. Verantwortung kann nur dann als solche gelten, wenn sie an individuelle Freiheit geknüpft ist – und umgekehrt. Und eben das kann die Sekte nie ganz zulassen. Es würde sie überflüssig machen. Übertragen auf unsere etablierte Normal- Gesellschaft würde das bedeuten, dass verantwortungsvolles Handeln nur genannt werden kann, was dieses System als solches deklariert hat. Verantwortung hat seine Ursache nicht mehr im persönlichen, sondern im kollektiven Moralkodex.

Grundsätzlich bedient sich das System des Schuldkonzeptes. Ohne das funktioniert bekanntlich keine Religion- und auch kein Staat: den BürgerInnen bzw. den Gläubigen wird aufgrund einer angenommenen Schuld (der „Sünde“) die Verantwortung des Allgemeinwohls aufgelastet: sei es die Rettung des Klimas, der Umwelt oder die Volksgesundheit.

Hierin liegt auch die Rechtfertigung aller Maßnahmen, derer man sich anzupassen oder zu unterwerfen hat: alle Maßnahmen dienen unterschiedslos dem Wohl der Menschen, sie sind übergeordnete Maßstäbe, denen sich die eigenen Vernunft unter zu ordnen hat. Alles andere wäre „egoistisch“ und „gefährlich“. Opferbereitschaft ist angesagt!

Dabei funktioniert das System selbstbestätigend: die Dogmen, Glaubenssätze und Werte sind in ihrer Gestalt immer so strukturiert, dass ihre „Wahrheit“ bestätigt wird. Alle Ereignisse, politische, globale, aber auch natürliche Phänomene wie Wetter bzw. Klima oder ein Pandemieverlauf werden gemäß der systemischen Eigenlogik gedeutet. Damit sichert sich das System gegen Scheitern ab, zementiert aber gleichzeitig die Möglichkeit echter Selbsttranszendenz. Das System ist –wie die Sekte- „in dieser Hinsicht von einer Gegenwartsblindheit geprägt, die darin besteht, dass eine hochdynamische Situation für normal und stabil gehalten wird.“ [2]

 

Die „Wahrheit“ verteidigen

Der Suchende findet in der Sekte: er findet Antworten, Sicherheiten, Gemeinschaft, Anerkennung. Der Preis dafür ist die Vereinfachung der Welt und die Delegation selbständiger Denkarbeit. In einer Welt, die in ihrer Komplexität nicht mehr verstehbar ist und in der der Einzelne in seiner subjektiven Bedeutungslosigkeit zu verschwinden droht, ist dieser Preis für viele akzeptabel. Nicht, dass sie sich dessen bewusst wären; dieses Bewusstsein muss in einem Akt der Selbsterkenntnis geschehen, des Erwachens zu schonungsloser Ehrlichkeit, genauso wie ein tatsächliches Sektenmitglied anerkennen muss, dass er oder sie selbst Sektierer ist, um frei zu werden. Sekten existieren nicht aus sich selbst heraus. Sie sind Symptome eines Mangels innerhalb der etablierten Gesellschaft. Sie bedienen Tabus, Mängel und Sehnsüchte die sonst nicht ausreichend bedient werden.

Die Sekte lebt also „einen Glauben, der seinen Wahrheitsgehalt aus dem Umstand bezieht, für wahr gehalten zu werden“ [3].

Schopenhauer soll gesagt haben, dass die Gesundheit einer Gesellschaft an dem Maße zu erkennen ist, in dem sie Humor verträgt. Sekten zeichnen sich durch eine hohe Kritikunverträglichkeit aus. Ironie, Kritik und Satire werden dort als Angriff gewertet. Weil die Sekte im Besitz des einzig wahren Welt-Verständnisses ist, werden kritische Fragen von Natur aus überflüssig. So entstehen Dogmen: im besten Falle darf man anderer Meinung sein, nur sollte klar sein, dass diese Meinung nicht die Wahrheit sein kann. Diese Deutungshoheit hat der Einzelne nicht. Es existieren intellektuelle No-Go- Areas und Tabuzonen. Das soll nicht heißen, dass unsere Gesellschaft abweichende Meinung nicht tolerieren würde; nur ist diese abweichende Meinung Privatsache. Dort sollte sie möglichst bleiben; zu Unterhaltungszwecken darf sie in Talkshows geäußert werden, wirkliches Gewicht und Gehör wird sie aber in der politischen Wirklichkeit kaum finden. Dogmen sind Konzepte, die der Stabilität eines Systems dienen; sie sind selten geronnene Wahrheiten. In logischer Konsequenz befindet sich ein Sektensystem immer im Kampf gegen etwas.

Kritikunverträglichkeit

Naturgemäß sieht sich jede Sekte Anfeindungen und Kritik ausgesetzt. Die Art, wie diese Kritik abgewehrt wird, kann sehr unterschiedlich ausfallen. Zum Beispiel finden sich häufig rhetorische Techniken wie die „Strawman- Technik“, bei der die Kritik vom eigentlichen Gegenstand auf ein Scheinproblem abgelenkt wird. Oder das „Argument ad Hominem“, wobei die kritisierende Person angegriffen wird und der Kritikpunkt damit abgewertet oder unglaubwürdig gemacht wird; das steht hinter „Bashing“. Auch das „falsche Dilemma“ ist zu nennen, bei dem das Problem auf wenige Möglichkeiten reduziert wird und damit eine Vereinfachung stattfindet, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Diese Techniken sind systemkritischen Menschen aus Erfahrung bekannt; hier wird politisches oder soziales Engagement zum Kampf gegen Windmühlen. Es werden hoch aufgeladene Diskussionen geführt, es wird polemisiert und polarisiert, doch ermüdet und zermürbt der Prozess mehr als das er das Geschehen konstruktiv beeinflusst.

Die „Wahrheit“ verlässt man nicht

Sekten sind Subsysteme der Gesellschaft – zumindest von der Außenperspektive gesehen. Von „innen“ betrachtet sieht die Sache allerdings anders aus: die Welt „da draußen“ ist das Subsystem, das System, welches den Gegner bildet oder „unwissend“ ist. So bildet also jedes soziale System Eigenlogiken, die es vom Rest der Welt isolieren. Das Selbstverständnis lautet: nur innerhalb der Sekte ist alles Wissen zu finden, was der Einzelne für sein Glück braucht. Daher besteht kaum ein Bestreben, diese „Wahrheit“ zu verlassen: sie bietet doch scheinbar so viel Platz. Sekten funktionieren exklusiv, also ausschließend. Sie können sich nur bedingt Veränderungen öffnen und müssen diese Impulse dem eigenen Verständnis anpassen. Sie können nicht „inkludieren“, also das Andere, Fremde naturbelassen annehmen bzw. aufnehmen. Diese Geschlossenheit kann per se` nicht liberal sein. Der Horizont des Möglichen ist bereits festgelegt. Veränderungen brauchen deshalb sehr lange, um sich durchsetzen zu können, meist zu lange für echte Lebendigkeit. Das führt immer dazu, dass die Mitglieder unterhalb ihres eigentlichen Niveaus leben und nie völlig authentisch sein können- obwohl sie gerade das Gegenteil beteuern würden!

 Die dunkle Seite der „Wahrheit“

Ist also die etablierte Gesellschaft ein Subsystem der Wirklichkeit? Das muss sie sein, denn die etablierte Ordnung dient immer der Bewältigung des Chaos, was gleichzeitig auch Merkmal des Lebendigen ist. Diese Frage kann hier nicht erschöpfend behandelt werden. Sicher aber scheint es, dass das System durch die Dynamiken, die seinem Selbsterhalt dienen, nicht nur Gutes schafft. Der Soziologe Klaus- Joachim Rossbroich nennt diesen Effekt das „systemisch Böse“: „Logozentrische (auf Rationalität ausgerichtete) Immunisierung der Glaubenspraxis, eine ihr folgende gewalttätige Verzerrung der Alltagspraxis und Selbstvergessenheit der involvierten Individuen stützen sich gegenseitig und bilden die menschliche Wurzel der Unmenschlichkeit – das „systemisch Böse“ der Kultur.“[4] (2)

Es ist nicht die Absicht dieses Artikels, die entwicklungsgeschichtlichen Hintergründe dieser Dynamiken auszuleuchten. Doch muss klar sein: jede Gesellschaft erzeugt durch ihre Normen einen Bereich des Nicht- gewollten, der unterdrückt werden muss. Das triebhafte ES nach Siegmund Freud spielt hier eine große Rolle; die Sekte ist für diese Wirkweise exemplarisch. Das Unterdrückte erzeugt dabei Tabus, die entweder sublimiert werden oder eruptiv ausbrechen. Eine dunkle Schattenwelt existiert, Persönlichkeitsanteile, die nicht gelebt werden dürfen, führen- gespeist von unstillbaren Sehnsüchten- einen Kampf gegen die Integrität des Menschen. Der ist dadurch „gezwungen“, diese Sehnsüchte durch Ersatzhandlungen ruhig zu stellen; der auf dem kapitalistischen System beruhende Konsum bietet hierfür eine Möglichkeit, aber auch die Flucht in ideologisch aufgeladene Lifestyles. Doch nie kann der ganze, authentische Mensch darin aufgehen. Wie in der Sekte kann er nur ein Rollenspektrum erfüllen, welches er dann mit seiner Persönlichkeit für Deckungsgleich hält.

Die „Wahrheit“ verlassen: der Ausstieg

Der Sekten- Aussteiger weiß anfangs oft gar nicht, dass er aussteigt. Ich erinnere mich noch gut: Zweifel kommen, aber die beziehen sich auf Details, auf Auslegungen der Lehre. Der Kern bleibt unberührt. Und zwar lange. Man sieht sich weiterhin als Vertreter des Wahren. Das Motto lautet: "Da läuft einiges schief, das ist aber nur vorrübergehend. Es wird sich aufklären. Das System selbst ist und bleibt integer und wahr." Man glaubt weiter. Der Glaube ist nämlich ein Glaube an das Gesamtkonstrukt, nicht an seine einzelnen Elemente. Das „Äußere“, das Strukturelle, wird mit dem "Innen" verwechselt. Man hält beides für deckungsgleich.

Die Erkenntnis, dass das Objekt des Glaubens an sich unwahr ist (und das notwendigerweise in Gänze), ist eine recht späte und natürlich sehr schockierende. Taucht sie auf, wird sie von der eigenen geistigen „Immunabwehr“ auch heftig attackiert. Das will man doch nicht wahrhaben; daran hängt einfach zu viel. Die drohende notwendig werdende Neuordnung wirklich aller Anker, Überzeugungen und Stabilitäten erscheint übermächtig. Die Anschläge von 9/11 sind dafür ein Beispiel: man anerkennt vielleicht, dass die offizielle Darstellung der Anschläge unwahr sein muss, meidet aber die volle Konsequenz, die sich daraus ergeben müsste. Es gibt Geschichtslehrer, die deshalb dieses Thema völlig umgehen oder als Hausaufgabe individuell lösen lassen.

Und woher kommt letztlich der Impuls, die Komfortzone der Gemeinschaft zu verlassen? Es ist ein Unwohl- Fühlen, eine Schieflage des Wohlbefindens, die sich schleichend eingestellt hat. Die emotionale Integrität hat sozusagen einen Knacks bekommen. Diese emotionale Komponente öffnet schließlich den Zugang zu neuen Sichtweisen, sie erweitert die Toleranz, die vorher strukturbedingt begrenzt war. Nun kann ich neu ermitteln, wo meine wirklichen Neigungen liegen, wo meine tatsächlichen Bedürfnisse; das Äußere verliert an Gewichtung, die seelische Ebene gewinnt an Bedeutung. Ich definiere mich immer weniger über Leistung, Angepasstheit oder Engagement, sondern über mein inneres Erleben und meine innere Wahrheit. Ich werde glaubwürdig vor mir selbst und löse Schuldvorstellungen in mir auf: ich werde authentisch.

Dem voraus geht eine Phase, die sich „Floating“ nennt: der Boden unter den Füssen löst sich auf. Die alten Sicherheiten tragen nicht mehr, Überzeugungen geben keinen Halt mehr. Man ist gezwungen, noch einmal von vorne zu beginnen und „sich neu zu erfinden“.

Was tun?

Die Gesellschaft, in der wir leben, ist unser Bezugssystem, das uns bestimmt und welches wir meist nicht oder nicht gründlich hinterfragen. Selbst wenn wir glauben, dies zu tun, bleiben wir dabei meist immer innerhalb dieses Systems und seiner Parameter. Uns wohnt die Sehnsucht nach Sicherheit und Weltverständnis inne. In einer komplexen Welt wie der Unseren ist die Gefahr fast unausweichlich, immer wieder Konzepte zu Heilsideen hochzustilisieren, Wissen zu Überzeugung gerinnen zu lassen. Dann verengen sich der Blick und die Wirklichkeit. Wir werden abhängig von den selbst geschaffenen Gefängnissen. Und so erschafft sich die „Sekte System“ immer wieder selbst aufs Neue. Eine Sekte wurde noch nie durch eine Revolution in ein gesundes System umgewandelt. Nur der Schwund an Mitgliedern schwächt sie wirklich.

Der Ausstieg zu einer emanzipatorischen Selbsterkenntnis ist aber jedem Einzelnen selbst überlassen.

 

 

 

 

 

 

  • Sieferle, Rolf Peter: Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt. Studien zur Naturtheorie der klassischen Ökonomie. Frankfurt/Main, 1990.
  • K-J. Rossbroich: Evolution, westliche Kultur und die Zukunft Europas: Band I: Das Werden der Kultur in der natürlichen Evolution. Taschenbuch, 2016.
  • Zeller: „Das versprochene Paradies“, Hamburg, Tredition 2016.

[1] Der Schweizer Psychologe und Sektenexperte Hugo Stamm betont in seinem Buch „Sekten- im Bann von Sucht und Macht“, dass eine solche Indoktrination immer über die Gefühlsebene und die Gedankenwelt läuft. Die tendenziöse Berichterstattung der Medien an vielen Stellen weist dieses Merkmal deutlich auf.

[2] Sieferle, Rolf Peter, Frankfurt/Main 1990.

[3] Zeller, M. Hamburg, 2016.

[4] Rossbroich, K.- J., 2016.

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