Das Böse: Versuch einer Ergründung der Natur eines Phänomens

Ich halte es für extrem wichtig, für sich selbst herauszufinden, was man unter dem Bösen versteht. Erst, wenn ich es definiere und klassifiziere, hört es auf, ein moralisch unterschiedlich aufgeladener diffuser Begriff zu sein und ich kann erst dann sinnvoll darüber sprechen. Im Folgenden versuche ich nicht, das Böse umfassend erklären zu wollen. Es geht vielmehr darum, das Phänomen in seiner Unterschiedlichkeit und seiner Wahrnehmung und Entstehung durch und im Menschen ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Interessanterweise lässt sich feststellen, dass die Existenz des Bösen mit unserer Freiheit und Würde zu tun hat. Aber der Reihe nach.

Der Begriff des „Bösen“ wird selbstverständlich alltagssprachlich von uns andauernd verwendet. Dabei muss damit ein Spektrum abgedeckt werden, was ein einzelner Terminus nur schwer bis gar nicht leisten kann. Dazu kommt, dass das zu beschreibende Phänomen des „Bösen“ schier unendlich vielen Variablen unterliegt, deren sich der Sprecher oft nur unzureichend bewusst ist. In der Theologie ist es das zentrale Problem und die “Theodizee” versucht, das Böse in einer von Gott geschaffenen Welt zu erklären. In der Literatur und der Philosophie ist das Böse dramaturgische und denkerische Eigenschaft und in der Psychologie bekommt es Namen und Symptome. Im Alltäglichen begegnet uns das Böse andauernd in unterschiedlichstem Gewande und gerne wüssten wir, wer oder was darunter steckt.

Ich möchte im Folgenden verschiedene Lesarten und Bedeutungen des Begriffs differenzieren, die damit zu einem umfassenderen und präziseren Blick darauf verhelfen sollen. Im Anschluss will ich kurz auf die Natur/ Natürlichkeit des Bösen und die Unmöglichkeit seiner vollständigen Abwesenheit oder Auflösung eingehen. Es ist klar, dass hier keine umfassende Abhandlung des Themas geleistet werden kann. Dennoch hoffe ich, in knapper Form eine Übersicht darzustellen, die als Grundlage einer differenzierten Sicht auf das Phänomen dienen kann.

Woher?

Am Anfang steht die Frage nach dem Ursprung des Bösen. Diese Frage ruft schnell theologische Konzepte auf den Plan. Erklärungen dieser Art sind bei erkenntnistheoretischen Forschungen dieser Art nur begrenzt hilfreich. Sie beinhalten immer eine ideologische Aufladung oder, bildlich gesprochen, eine Vor- Stellung. Außerdem gibt es einen Punkt, an welchem nicht weiter hinterfragt wird; dann wird das zu hinterfragende als Prämisse gesetzt. Damit ist der freie Blick bereits ver-stellt. Wir müssen die vorhandenen Gerüste und Rahmungen verlassen, da diese in der Zeit entstanden sind und den Blick auf Ur- sächliches verstellen oder verzerren. Es muss klar sein, dass das von uns definierte „Gute“ als Antagonisten und als Definitions-referenz des Bösen selbst keine feststehende, eigene Dimension ist, sondern nur in Abhängigkeit der jeweiligen Epoche, Kultur  und gesellschaftlichen Konvention existiert. Was hier und heute böse ist, war dort oder damals richtig und edel, sprich: “gut”. Eben diese oberflächliche Phänomenologie müssen wir überschreiten.

Gehen wir von folgender Prämisse aus: der Ursprung des Bösen liegt notwendigerweise im Ursprung aller Dinge. Durch die ENT- faltung der Welt war es nötig, dass innerhalb des scheinbaren Dualismus eine Qualität in Erscheinung trat, die vielerlei „Gesichter“ und Formen annehmen konnte, die Antagonist, Antithese, Kontrastmittel, Spiegel und Motor gleichermaßen sein konnte. So, wie jede Form den Raum braucht, ja ohne ihn keine Existenz besitzen kann, so kann kein Phänomen in menschlicher Begrifflichkeit ohne das in Erscheinung treten, was wir das Böse nennen. Die Stigmatisierung dieser Qualität, die in diesem Modell keine eigenständige (ontologische) Eigenschaft ist, als „schlecht“, ist ein Spiegel unserer Wahrnehmung, die erst durch das duale Prinzip möglich wird und erkennen kann. “Welt” entsteht also erst im Kontinuum zwischen den Polen, in diesem Falle “Gut” und “Böse”.

Der Mensch als Filter

Es ist bekannt, dass jede Wahrnehmung, die ein Mensch macht, gleichzeitig eine Verarbeitung des Wahrgenommenen ist: es findet ein Bewertungsprozess statt, der wahrgenommene Dinge erinnert, ordnet, zuordnet, einschätzt, abgleicht, benennt, etikettiert. Daher ist Erkennen keine „freie“ Leistung, die für sich existiert und damit auch einheitlich (oder zu vereinheitlichen) wäre. Der Umstand, dass Regen fällt, kann als reiner Fakt erkannt werden; tatsächlich aber ist die Erkenntnis von „Regen“ beim Blick aus dem Fenster ein höchst individueller und damit komplexer Vorgang. Bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass wir rein gar nichts bewertungsfrei wahrnehmen können. Wahrnehmung ist immer auch Bewertung, weil es auch immer ein Erkennen ist. Erkennen aber ist erinnern. Das ist ein Umstand, der uns als Menschen ausmacht. Das soll Wahrnehmung nicht unbedingt als einen rein  wirklichkeitsbeschreibenden und damit beschränkenden Faktor herabsetzen. Vielmehr scheint die Wahrnehmung die Wirklichkeit zu erzeugen; unsere Wahrnehmung ist kein objektiver Vorgang, der eine davon völlig unabhängige, eigenständige Realität „beobachtet“. Als Beispiel diene das Phänomen "Licht". Hierbei handelt es sich um eine (elektromagnetische) Strahlung innerhalb eines gewissen Spektrums. In Wechselwirkung mit Auge und Sehzentrum aber erst entsteht das Phänomen "Helligkeit". Wie Tiere und Pflanzen diese Strahlung wahrnehmen und verarbeiten, kann völlig anders aussehen, als das, was wir als "hell" bezeichnen.  Alle Dinge, Erscheinungen und Phänomene in der Welt werden von uns in gewissem Maße als von der Welt isoliert wahrgenommen, sozusagen "in" ihrer Umwelt, nicht als Teil davon. Diese Trennung ermöglicht uns erst Begrifflichkeiten, wie wir sie benötigen, um Sprache entstehen zu lassen und sinnvoll zu nutzen. Eine Katze nimmt beispielsweise ein breiteres Spektrum von Licht wahr; auch hat sie ein anderes Zeitempfinden, was ihr ein anderes Gegenwartsgefühl als uns Menschen verleiht. Ihre Wahrnehmung erschließt ihr eine “Katzenwelt”. Dabei wird klar, dass unsere Wahrnehmung keine objektive, sondern eine spezifische ist. Überspitzt gesagt: der Mensch verleiht der Welt, wie sie der Mensch sieht, erst Existenz. Unsere Begriffe sind Abstraktionen von Dingen, über deren wirkliche Natur wir keine völlige Kenntnis besitzen. Unsere Begriffe und Vorstellungen bilden nicht die Welt ab, wie sie wirklich und vollständig ist, sondern eine “Menschenwelt”.

Das Böse als notwendige Vorstellung?

Unzweifelhaft ist das menschliche Bewusstsein extrem breit gefächert. In der ganzen Größe ist der Mensch vielleicht sogar die Sichtbar-machung der Welt (Kosmos: die Gesamtheit alles existierenden) an sich, als untrennbarer Teil selbst Spitze (“Krone der Schöpfung”) der Evolution (nicht im Sinne einer zufälligen biologisch-chemischen Reaktionskette!) und daher die Welt vollständig in sich tragend- und erzeugend. Die dünne Oberfläche unseres Verstandes kann darüber keine Aussagen machen. Wir „kommen“ aus der Einheit dieser Welt (Kosmos), möglicherweise aus einem für uns heute kaum mehr fassbaren singularen Zustand oder zumindest einer Daseinsform, in welcher die Dinge aufgrund ihrer nicht vorhandenen Kausalität im Sinne rein zeitlicher Ursache- Wirkprinzipien derart zusammenhängend und vollständig sind, dass eine Unterscheidung im dualistisch- logischen Verständnis nicht existiert oder „nötig ist“ . Es ist deutlich, dass Sprache einen solchen Zustand nicht formulieren und menschlicher Geist diesen nicht erfassen kann. Der Mythos des biblischen Sündenfalls kann so interpretiert werden: die "Erkenntnis" löste den Menschen heraus aus dem Zustand dieser integrativen Einheit, der jedes reflexive Bewusstsein fehlte, und brachte ihm die Möglichkeit erweiterter Wahrnehmung und Erfahrung ("Erkenntnis"). Das Verlassen dieser Einheit (dargestellt durch die Frucht des Baumes der Erkenntnis im “Paradies”) führte zu einer Erkenntnis eines vom Rest der Welt scheinbar isolierten Selbst. Dieses Selbst schien nun autonom, getrennt und nahm die Welt plötzlich „von außen“ wahr. Die Welt war dadurch beurteilbar geworden, aufteilbar in „gut und böse“. Moral wurde überhaupt erst möglich und damit auch die Verantwortung für die eigene Haltung zur Welt. Damit kam Schuld in die Welt und gleichzeitig der Wunsch nach Erlösung; nicht nur von der Schuldhaftigkeit, sondern auch von der Kluft, die das abgespaltene Ich vom Rest der Schöpfung nun trennte. Die Sehnsucht, die hinter dem Wunsch nach Erlösung steht, will die Re- Integration. Der Preis war also hoch, denn die Trennung brachte auch Leid: die Qualität des Bösen war nun ins Dasein getreten.

Damit wird auch die Frage weitgehend hinfällig, ob das Böse eine eigene Qualität, quasi eine eigene „Substanz“ besitzt. Diese besitzt es ebenso wenig wie Licht die Eigenschaft "hell" besitzt. Helligkeit ist eine Folge einer bestimmten Art der Wahrnehmung in Korrelation mit bestimmten physischen und mentalen Vorgängen. Sicher besitzt beides eine eigene Wirklichkeit; vielleicht ähnlich dem Wind, der aber selbst nur aus bewegter Luft „besteht“: er kann stärker werden, abgeschwächt werden, man kann sich davor schützen. Aber eine eigene Substanz besitzt er letztlich nicht. Wind ist ein notwendiges, emergentes  Phänomen einer Welt, in der es Luft gibt. So könnte man das Phänomen des Bösen als etwas deuten, dass es notwendig in einer Welt gibt, die SEIN beinhaltet, voraussetzt oder hervorbringt. Dabei ist das Böse kein reines Epiphänomen, kein Nebenprodukt. Wie ich im Folgenden heraus zu arbeiten versuche, ist erkennbar, dass es das Böse gibt, es aber erst in der menschlichen Wahrnehmung zum Bösen wird (eine Ähnlichkeit zu den Beobachtungen der Quantenmechanik ist zufällig und nicht beabsichtigt…).  Ebenso, wie ein Geräusch erst zum Geräusch wird, wenn es auf ein Organ trifft, welches Geräusche wahrnehmen und interpretieren kann (nämlich Ohr und Gehirn) und vorher nur als Luftschwingung existiert, so existiert "das Böse" in unterschiedlichster Form im Kosmos ohne als Böses per Definition zu erscheinen oder eine eigene (ontologische) Wirklichkeit zu besitzen.

Damit hat das Böse/ das Dunkle mehrere „Funktionen“ oder Ausdrucksformen. Soweit ich das sehen kann, bestehen diese in Folgenden:

  • Das Böse als „moralischer Motor“. Menschliches Handeln ist immer Handeln im Kontext seiner Umwelt. Eine Handlung ohne Handlungsbezug oder eine kontextfreie Handlung gibt es nicht. Das menschliche Bewusstsein ist über die Fähigkeit zum reflexiven Denken über die rein instinktive Ebene hinaus seiner Selbst gewahr; dadurch ist ein Abgleich von Erfahrenem mit bekanntem möglich und erzeugt Individualität. In dieser ist der Mensch notwendigerweise ein soziales Wesen, er ist auf den Anderen bezogen. Er erkennt sinnvolle, förderliche Handlungen und deren Gegenteil anhand der Folgen seiner Freiheit. Daraus leitet er eine Ethik ab, welche er moralisch fixiert. Diese Moralisierung ist kulturbildend. Damit könnte das Böse als Aufforderung an den Menschen gesehen werden, Stellung in der Welt als Kulturwesen zu beziehen. Das Böse ist dann eine Beschreibung all dessen, was er nicht will.  Anders ausgedrückt, wäre das Böse dann die Form einer unterentwickelten Moralfähigkeit.
  • Böses als Ausdruck der Angst. Angst bildet eine zentrale Kraft im Gefühlsleben aller fühlenden Wesen. Die Fähigkeit zur Angst sichert das Überleben. Beim Menschen kann jede Angst zudem durch logisch- rationale Denkvorgänge relativiert und re-formiert werden. Dabei wird ein breiteres und differenzierteres Spektrum dieses Gefühls möglich und sichtbar. Wer beispielsweise Angst hat, nicht genug zu bekommen, wird Eifersucht, Neid, Gier, Geiz, dann – im Geistigen bzw. in der Manifestation – Dogmatisierung und ähnliche Ausdrucksformen oder Eigenschaften entwickeln, welche „Kinder“ der Angst sind und dem Betreffenden die Chance geben, sich weiterzuentwickeln und über sich selbst hinaus zu wachsen, insofern er sich immer weiter dieser Dynamik bewusst wird und sich davon frei macht. Bis dahin erzeugen diese Eigenschaften, diese „Kinder“, das Böse: indem derartige Gefühle den Menschen erfüllen, erschafft dieser alle Ausdrucksformen der Sicherungs- und Kompensationsversuche: Hass, Missgunst, Enge, schließlich Feindbilder, Ausschluss, psychische oder physische Gewalt und Krieg. So ist die Wurzel des sichtbar Bösen der Ausdruck einer Angst.
  • Eng damit verwandt ist das Erzeugen des Bösen durch die einseitige Lastigkeit von Macht und Wille ohne die Integration des Herzens (der Liebe). Der Wille ist die Lebenskraft schlechthin: der Wille treibt mich durch mein Leben, zwingt mich, seine individuelle Form anzunehmen und zu verwirklichen. Kollektiv tut er das Gleiche: er „schiebt“ hin zur Formwerdung, lässt nicht ruhen, bis das Höhere oder „Bessere“ verwirklicht wurde. Gelingt es nicht, den Willen in ausgeglichenem, rücksichtsvollem, gesunden und lebensförderlichen „Format“ zum Ausdruck zu bringen, weil die formende Kraft der Liebe (des „Herzens“), welche sich eben in Rücksicht ausdrücken und Nachhaltigkeit und Gemeinwohl anstreben, erhalten und nicht zerstören will, entsteht das Böse. Aber auch hier wirkt eine „daseinsfödernde“ Dynamik: das so erzeugte Böse wird zur Möglichkeit. Das Spektrum des umfassenden, bewusst erlebt und reflektierbaren Fühlens, das offenbar ein Privileg des Menschen ist, wird erweitert, seine „Fühl-Kompetenz“ erhöht, ja das Spektrum des SEINS wird vergrößert. Daran wächst er, ist gleichzeitig aufgefordert, Stellung zu beziehen, um ein lebenswertes, intensives Leben zu erschaffen. Die Existenz des Bösen ist damit Bedingung der Freiheit.
  • Das Böse als nihilistische Ontologie. Offenbar ist unser Kosmos durchdrungen von den verschiedensten Ordnungen; die aufsteigenden Evolutionen und ihre Logiken sind offensichtlich, wenn auch die bestimmenden Kräfte für uns weitgehend nicht wahrnehmbar oder bestimmbar sind. Das Licht hat für uns eine eigene Existenz, das Dunkle hingegen nicht; es ist nur die Abwesenheit des Lichts. Die Dunkelheit hat keine Quelle. Es wäre fatal, der Dunkelheit eine eigene Qualität zuzuschreiben und in ihr sozusagen alles „Versteckte“ und damit potentiell “Gefährliche” zu vermuten. Die Dunkelheit ermöglicht das Licht. Sie macht die Differenzierung möglich, so wie das Nicht-Sein das Sein ermöglicht. Das Sein selbst ist nicht etwa der Teil, der sich der sich dem Nicht-Sein entwunden hat, sondern er existiert für sich und aus sich selbst. Das Nichtsein, die Dunkelheit, ist der Kontrast, der zugeschriebene Träger des Kontrasts ist das „Böse“. Es ist die moralische Qualität, die dem „Guten“ Existenz verschafft. Selbst hat es weder Ursprung, noch feste Form, noch einen Träger.
  • Das Böse als angelegte/ inhärente Eigenschaft. Im scheinbaren Widerspruch zum bisher gesagten kann das Böse auch als inhärente Eigenschaft gesehen werden. Jeder, der Kinder hat, weiß darum. Es ist nicht nur die Grenzenlosigkeit des noch nicht sozialisierten kleinen Menschen, dem die Fähigkeit zum konventionell orientierten und auch moralisch als richtig bewerteten Verhalten fehlt. Das Böse existiert in dieser Form "im Menschen", da der Mensch Träger aller polaren Prinzipien (also komplementären Prinzipien) Dadurch ist es ihm überhaupt möglich, eine Ethik im Außen zu entwickeln. Er führt damit einen “Kampf für das Gute“, nämlich im Sinne eines lebensförderlichen Wachstums- zumindest hat er dadurch die Möglichkeit dazu. Als moralisches Wesen unterscheidet der Mensch sich vom Tier-Bewusstsein, welches er damit überschritten hat. Es ist für uns eine triviale Feststellung, dass wir von einem Tier kein moralisches Handeln erwarten; es „kann“ nicht Böse handeln, auch wenn die Folgen seines Handelns in der Wahrnehmung des menschlichen Bewusstseins „böse“ sind (z.B. ein Wolf, der ein kleines Kind reißt, würde sofort, wenn möglich, vom Menschen getötet). Das Böse existiert in dieser Form  tatsächlich nur in der Menschenwelt. Und so handelt jeder Mensch böse von Zeit zu Zeit, es reut ihn darüber (oder auch nicht), und er sieht ein, dass die Quelle des Bösen in ihm liegt (auch wenn die Einführung des Schuldbegriffs eine ganz neue Dimension der Argumentationsoptionen möglich machte. Der Begriff der  „Sünde“ ist ein Ausdruck des Umstandes, dass der Mensch offenbar vom förderlichen Handeln abweichen kann). Damit ist das Böse dennoch nichts rein Anthropogenes; wohl aber die Wahrnehmung seiner Auswirkungen. Ist es bedauerlich oder gar böse, wenn eine Löwin eine Antilope reißt, die Junge hat? Wenn ein Steppenbrand tausende von Tieren qualvoll verenden lässt? Wenn der Einschlag eines Asteroiden 95% des Lebens eines ganzen Planeten auslöscht? Das Böse ist also inhärent; erst aber in der Deutung und Bewertung der unmittelbaren Auswirkungen bekommt es seine „Gestalt“, wird es zum „Bösen“.
  • Das Böse als „entropisches Prinzip“. Es scheint so, dass der Mensch ohne jede Bemühung oder Anreize also auf unterster kultureller Stufe tendenziell egoistisch ist und auch in weiterer Konsequenz zu einem Verhalten zu neigen scheint, welches dem Nächsten schadet. Erst unter Formulierung einer Ethik, die verinnerlicht wird und Aufbringung innerer und äußerer Bemühungen, scheint er altruistisch (selbstlos) am Wohle des Ganzen interessiert zu sein. Kurz: er praktiziert Liebe unter höherem Einsatz als Ablehnung und Hass. Letzteres scheint leichter umsetzbar. Ein scheinbares Energiegefälle. Wozu? Erst in der Selbstreflexion und der damit entstehenden Ethik scheint der Mensch ja die "Aufwärtsbewegung", das Wachstum, im Inneren verfolgen zu können, immer bewusster. Damit bekommt "Böse" eine neue Dimension: als Motor zur Bewusstwerdung. Die "gravitative" Wirkung des Bösen als "Erweckung" der Gegenwärtigkeit, Wachheit und Moral? Wo Liebe offensichtlich fehlt, hat der Mensch Gelegenheit, mit seinen Möglichkeiten konfrontiert zu werden. Er erlebt sich  vielleicht als "frei", er kann wählen, nun bewusst "nach oben" oder dem Höheren streben, indem er diesem inneren Fluss, dem Hang zum bequemen, egoistischen, aktiv Widerstand entgegen setzt. Der bewusste Mensch im buddhistischen Sinne, also im Idealfall der Mensch als Bodhisattva, hat durch diesen Prozess letztendlich alle egoistischen und damit destruktiven Tendenzen in sich selbst erkannt und transformiert. Das "Gefälle" zwischen "Gut" und "Böse" könnte also als Antrieb zu einer höheren Bewusstseinsstufe gedeutet werden. Es wäre etwa wie bei einem Potenzialgefälle einer Batterie, die bekanntlich leer ist, wenn sich dieses Gefälle nivelliert. Damit wäre das Böse ein Sekundärphänomen: es entsteht durch einen Mangel an Courage, an Liebe und Bezogenheit oder einem Mangel an reflexiver Vernunft.
  • Das Böse als ungeformte Urkraft. In dieser Form finden sich Reste entwicklungsgeschichtlich überschrittener Stadien auch im Menschen. Das dunkle, nicht definierte, archetypisch – bedrohliche, was monströs im Traum oder anderen (erweiterten) Bewusstseinszuständen auftauchen kann, dabei aber immer nicht greifbar oder konkretisierbar bleibt und als dämonische Kraft beschrieben werden kann. In bildhaften und architektonischen Darstellungen findet diese Kraft manchmal Form und Ausdruck (Insbesondere sakrale Kunst hat es in den vergangenen Jahrhunderten eindrucksvoll geschafft, dieser Kraft einen Platz einzuräumen, was den Beobachter heute auch verwirren kann). Dahinter stehen Wirk-kräfte, die durchaus eine eigene Ontologie besitzen und die sich schwarzmagisch kanalisieren lassen. Sie haben ihren Ursprung im nicht-erlösten Bewusstseinsringen früher Enwicklungsstadien bzw. In deren fehlender Integration. Es ist vorstellbar, dass (Geist-) Wesen in diesen Zuständen "gefangen" sind oder sich von diesen Kräften quasi "ernähren". Geist bzw. Bewusstsein müssen sich nicht zwangsläufig in Richtung der Liebe entwickeln, auch nicht in kosmischen Dimensionen. Entwicklung findet innerhalb des o.g. Kontinuums statt, in welchem immer wieder aufs Neue ein Fließgleichgewicht, eine Ausmittelung gefunden werden muss. Jenseits dieses Gleichgewichts findet die Entwicklung in einseitiger Ausprägung statt, stagniert und kollabiert schließlich. Solche Welten sind vorstellbar, und wir erleben diese archetypische Dynamik hier auf der Erde sehr deutlich. Das Fließgleichgewicht ist andauernd bedroht und wirkliches Wachstum des Bewusstseins nur möglich, wenn es austariert und erhalten bleibt (lässt man eine solche Annahme zu, gewinnt die Situation auf unserem Planeten eine “Meta- Logik” und es wird denkbar, dass viele Bemühungen um Frieden ungenügend und nur befriedigend erfolgreich sein können).

Es ist deutlich, dass das Böse zunächst nicht für sich alleine stehen kann und so auch keine eigene Existenz hat (zumindest in ihrem Ursprung nicht!), die zudem noch eliminierbar ist. Wo Bewusstsein ist, ist das Böse; als Potential oder akut, je nachdem, welchen Bewusstseinszustand seine Träger haben. Gerne wird es externalisiert oder personalisiert. Damit wird seine Ursache und seine Natur aber verkannt und- was noch gefährlicher ist- seine Wirkweise oft unsichtbar. Wenn eine Vorstellung, eine Ideologie oder irgendein Konzept (z.B. politisch oder religiös) versucht, das "Böse" zu definieren, zu lokalisieren, in einem Regelkatalog zu fassen und trennscharf abzugrenzen, muss es scheitern. Das Böse ist sowohl eine Illusion menschlicher Wahrnehmung, als auch – scheinbar paradoxerweise – fester Teil seiner Wirklichkeit und der Wirklichkeit allen Bewusstseins. Damit ist das Böse nach unserer Begrifflichkeit  in jeder Erscheinungsform die Emergenz (Def.: „die Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente“) des schöpferischen Prozesses selbst. Das schließt nicht aus, dass das Böse auf einer anderen Ebene eine Form eigener Existenz bekommen kann; sozusagen als kulminiertes „Extrakt“, als Destillat im „Überraum“, wo es Form findet und möglicherweise wiederum Rück- wirken kann auf das Diesseits, wenn es hier auf passende Formen trifft, also auf resonanzfähige Entitäten oder Bewusstseinszustände. Diese könnten dort vorhanden sein, wo das „Ringen“ nach höherem Bewusstsein, Reflektiertheit, Angstfreiheit und nach bedingungsloser Annahme und Liebe fehlt. Die „bösen Extrakte“ treffen dort auf die entsprechenden „Frequenzen“ (also resonanzfähigen Daseinsformen), wo sie empfangen werden und durch das jeweilige Bewusstsein des Empfängers wieder Kontur, Form und Ausdruck finden. Das geschieht individuell als auch bei Gruppen, welche durch derartige Auslagerung (Externalisierung) dem Bösen Form und konkreten Inhalt verleihen: der Teufel ist dafür ein klassisches Beispiel, andere politische und ideologische Feindbilder kennen wir zuhauf.  Die Handlung eines Menschen macht das Böse erst wirklich; er selbst kann nicht böse “sein”. An dieser Stelle greifen wieder die unter 2. Und 3. genannten Dynamiken und erzeugen einen sich selbst verstärkenden Regelkreis oder „circulus vitiosus“. Der kann bei ausbleibender Bewusstwerdung die „Aufwärtsbewegung“ oder Weiterentwicklung des Bewusstseins völlig zum Stillstand bringen. Eine solche Gesellschaft ist eine totalitäre, de-individualisierte, in welcher letzten Endes mit Gewalt alles unterdrückt wird, da Kontrolle die einzige gültige Instanz bildet. Das Böse hat dann das Gleichgewicht eliminiert und alles durchdrungen und reproduziert sich dadurch vollständig selbst, absurderweise getarnt als Moral: die Versuche des Nazi- Regimes oder China unter  Mao-Tse-Tung  sind dafür exemplarisch zu nennen. Als “gut” galt dort ein Kodex, der aus der Distanz betrachtet selbst moralisch verwerflich, also “böse” war.

So geht es also um ein Gleichgewicht der Kräfte, um die Anwesenheit des „Bösen“ als Potentialität. Damit würde es integriert werden können ins Dasein, ohne „ausbrechen“ zu müssen. Die Grundlage davon ist kein Regel- und Verbotskatalog, sondern Mitgefühl, welches der aktive Ausdruck der Liebe ist. Mitgefühl als  Grundintention verhindert, dass ich als Einzelner irgendetwas tue, was irgendjemandem schadet – eine scheinbar naive Feststellung, die unsere Welt im Falle ihrer Umsetzung aber völlig verändern würde. Gut und Böse bilden die Pole, in denen Bewusstheit entsteht und sich fortentwickeln kann, wobei der positive Pol immer etwas überwiegt. Das ist gewissermaßen tröstlich, denn das Böse kann niemals völlig “siegen”. Das Böse ist immer “unten”, es kann das das Licht nie ganz verschlucken, da es selbst dann aufhören würde zu existieren, wie alles andere auch. Aber es schafft Kontraste. Das Böse lässt mich erwachen, ganz Mensch sein. Durch seine Möglichkeit komme ich tatsächlich erst in meine ganze Würde, weil ich bewusst in einem weiten (und sich erweiternden) Handlungsfeld agieren kann. Freiheit in diesem Sinne setzt die Möglichkeit des Bösen voraus, denn erst als voll bewusstes Wesen komme ich zur Freiheit: ich “erkenne gut und böse” und werde göttlich im Sinne einer reflexiven Bewusstheit.  Aus dem Vorhandensein des Bösen erwächst die Möglichkeit, Normen immer wieder neu auf ihre Gültigkeit und Nützlichkeit zu hinterfragen. Als Einzelner erlebe ich mich dadurch in einem Kontinuum, in welchem ich verantwortlich handeln kann. Das ist bemerkenswert: der Lauf der Welt entscheidet und orientiert sich am Bewussheitsgrad des Einzelnen, der aufs Große und Ganze wirkt. Dabei gilt: je unbewusster, desto stärker folgt die Entwicklung der “Entropie” Richtung Auflösung, Rückfall uns Unbewusste; je bewusster, umso mehr folgt die Entwicklung dem Vereinenden, Verbundenen und Förderlichen, dem Wachstum - der Liebe.

 

Veröffentlicht in Religionsphilosophie und verschlagwortet mit , , , , .

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