Die Sekte namens System

Die Original Veröffentlichung finden Sie unter „http://www.raum-und-zeit.com“. Dies ist eine gekürzte Fasssung.

Was auf den ersten Blick das totale Gegenteil dessen zu sein scheint, das was wir als freiheitlich- demokratische Grundordnung verstehen, nämlich eine totalitäre Glaubensgemeinschaft, also eine Sekte, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als dessen verkleinertes, aber konzentriertes Vorbild.

 

Vor 11 Jahren habe ich im Alter von 36 Jahren die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas verlassen. Ich bin darin aufgewachsen. Für mich war die Sekte mein Bezugssystem, die alle Gewohnheiten, alles Denken und eben alle Weltordnung meist unhinterfragt bestimmte. Ich war „in der Wahrheit“.

In den vergangenen 11 Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, welche Ähnlichkeiten die Regeln unserer gesellschaftlichen Normalität mit denen einer Sekte haben. Endlich frei! Das war mein Lebensgefühl, als ich die Zeugen verlassen hatte. Endlich keine Limits mehr im Kopf, keine Denkverbote, keine Dogmen, keine Ausgrenzung mehr. Sicher, ein wenig naiv war das schon. Ganz so frei sind vielleicht die Gedanken, werden sie aber laut, stoßen sie doch überraschend früh an Begrenzungen, die dort eigentlich nicht vermutet werden sollten. Dieser Eindruck ist leider nicht verschwunden; im Gegenteil. Die “Corona- Krise“ hat ihn noch deutlicher werden lassen.

Das wirft Fragen auf: welche Merkmale sind möglicherweise Indizien für verdeckte Intoleranz innerhalb einer Gesellschaft? Ist es möglich, dass genau diejenigen psychologischen Dynamiken, die in einer Sekte zu finden sind, lediglich extreme Erscheinungen anthropogener Gemeinschaftsnatur sind? Ist es denkbar, dass Aufgrund dieser Dynamiken ungesunde oder gefährliche Automatismen entstehen? Und wie steht es dann mit der individuellen Autonomie und Mündigkeit?

 

„Drinnen“ oder „Draußen“?

Dazu muss zunächst klar sein, was eine Sekte definiert und in Folge auch pathologisiert.

Der zentrale Punkt ist der, dass eine Sekte ein in sich geschlossenes System bildet, woraus sich eine in sich geschlossene Logik ableitet. Scheinbar alles ist erklärbar; die Sekte liefert permanent Erklärungen.

Des Weiteren zeichnet sich eine Sekte dadurch aus, dass sich das Individuum den Regeln, Anforderungen und Glaubensdogmen unterzuordnen hat. Hier lässt sich bereits eine gewisse Kerndynamik feststellen: Ich bekomme etwas, zahle dafür aber den Preis der Unfreiheit. Ein Angehöriger einer Sekte sieht das natürlich anders und wird gegenteilige Behauptungen entschieden von sich weisen. Und auch das gehört zum Selbstverständnis eines Sektierers: ich bin frei, ich habe die Wahrheit, ich bin Selbst- und fremdkritisch und reflektiert. Dabei muss er übersehen, dass er sich im Spiegelkabinett des Konstrukts „Sekte“ andauernd selbst manipuliert: die Bemessungskriterien dafür referieren auf festgelegte Größen, auf Paradigmen, die selbst zu hinterfragen wären. Doch wie kann das sein?

Die Antwort liegt in unserem tief verankerten Bedürfnis nach Kohärenz. Ein stimmiges Weltverständnis ist die stabile Größe in uns, der Garant für ein verlässliches Morgen. Probleme wollen gelöst werden; scheinbar Bewährtes ist dabei immer die erste Wahl. Wir Menschen streben zudem danach, möglichst wenig Reibung innerhalb der Gruppe zu erzeugen: das Wir- Gefühl, die Zugehörigkeit, war einst überlebensnotwendig. Und dann ist es ein kleiner Schritt, Konsens zur –vermeintlichen- Objektivität zu machen. Gibt es eine „Objektivität“, dann gibt es auf einmal ein „Drinnen“ und „Draußen“. Objektiv gilt heute das, was als „wissenschaftlich erwiesener“ Konsens verstanden wird. Alles andere ist „draußen“; und damit der „Feind“.

Eine Sekte braucht ein Feindbild, um ihre Existenz zu legitimieren. Der Feind ist eine Bedrohung, die zwar ihr Gesicht oder ihre Gestalt wandelt, aber nie ihre bedrohliche Natur. Der Feind ist nicht integrierbar. Er wird via Projektion am Leben erhalten: er ist Träger alles „Bösen“. Auch hier finden wir eine bekannte Psychodynamik: die Neigung, davon auszugehen, man sei selbst eher im Recht, als der Andere. Tendenziell gehen wir davon aus, selbst über ein solideres Fundament an Informationen zu verfügen, als unser Gegenüber. Das ist sowohl im zwischenmenschlichen Bereich, als auch bei größeren sozialen Gruppen bis hin zum nationalen Selbstverständnis so. In der Sekte geht es dabei soweit, dass auch an offensichtlich unlogischen oder kontraproduktiven Ideen festgehalten wird. Das zerstörerische global-kapitalistische System wäre hierfür eine markante Entsprechung. Das, was in der Sekte die „Welt Satans“ ist, sind im System der Normalität vielleicht die „Rechten“, die Impfgegner oder ein Virus, entsprechend muss es bekämpft werden.

 

Wie „Wahrheit“ erzeugt werden kann

Das ist natürlich nicht die Grundlage echter Toleranz. Wenn durch ein System definiert wird, wie Toleranz auszusehen hat und welche Inhalte und Haltungen davon ausgeschlossen sind, wird die Widersprüchlichkeit deutlich. In jüngerer Zeit war das markant zu beobachten: es genügte, nicht die offizielle Meinung über das Corona-Virus zu teilen bzw. diese zu kritisieren, um das Ende der zulässigen Toleranz zu spüren. Man war auf einmal – zumindest partiell- nicht mehr „drinnen“.

Sekten haben nur wenig Ambiguitätstoleranz, egal wie offen sie sich geben und wie weit ihr Spektrum gesteckt ist. Hier herrscht Ideologietotalitarismus. Daraus ergibt sich, dass Sekten immer ein gewalttätiges Element in sich tragen: die „Wahrheit“, also der gerade aktuelle Konsens, muss verteidigt werden. Es kommt mit der Zeit auch zu Umdeutungen, manchmal zu 180- Grad- Wendungen, aber die sind dem Selbstverständnis nach immer eine Folge eines Entwicklungsprozesses, dem der Einzelne zu folgen hat. Tut er das nicht, bekommt er diese Gewalt zu spüren. Jede Sekte verfügt über ein Gremium, welches die gerade aktuelle Wahrheit festlegt. Hier wird nicht nur festgelegt, was der Stand der Fakten aktuell ist, sondern auch was „richtig“ und „falsch“ ist. Dafür werden Begriffe nötigenfalls umdefiniert oder Wortneuschöpfungen betrieben. Nehmen wir den Begriff der "neuen Realität", die sich paradoxer weise gerade durch die Abwesenheit einer Normalität im herkömmlichen Sinne auszeichnet. Die „Führung“ hat natürlich auch die Hoheit, den neuen Begriff mit Inhalt zu füllen. Diese Inhalte sind dann nicht natürlich gewachsen, sie sind nicht verhandelbar, sie entspringen nicht der natürlichen Dynamik gesellschaftlicher Wirklichkeit.

In Deutschland haben wir inzwischen eine Institution, die sich „Correctiv Faktencheck“ nennt und die sich offen zu dieser Aufgabe bekennt. Abweichende Meinung führt in der Sekte zur sozialen Ächtung, zur Denunziation und im drastischsten Fall zum Ausschluss, denn: abweichende Meinung ist gefährlich für die allgemeine mentale Gesundheit! Egal, wie gut begründet Kritik ist, zeigt die Sekte kein Interesse daran. Sie bestimmt den Konsens und damit den Kurs: wenn heute das Eine „unsolidarisch“ ist (beispielsweise der Besuch einer Demo für die Grundrechte), ist die gleiche Handlung in anderem Kontext gegenteilig konnotiert (wie der Besuch einer Demo gegen Rassismus). Es geht also nicht um den Gegenstand an sich, sondern um meine Haltung dazu, denn die bestimmt, ob ich „richtig“ oder „falsch“ liege. Dazu werden Narrative geschaffen, nicht wirklich festgelegte, aber dafür festgefahrene „Wahrheiten“, die alle eine moralische Komponente haben. Meine persönliche Haltung ist also nie frei von einer moralischen Gewichtung. Sie ist nie „einfach wie sie ist“ sondern immer in einem festgelegten Spektrum von richtig/wahr – und falsch verortet.

Das lässt sich Begriff der „Verantwortung“ deutlich machen. Als verantwortungsvoll gilt (oder galt) jemand, der während der „Corona- Krise“ „social Distancing“ praktizierte- nicht der, der entsprechend seines eigenen Wissens- und Erkenntnisstandes handelte. Das galt auch nicht als Zivilcourage, obwohl es mit ähnlichen Situationen vergleichbar wäre, in denen es als eine Solche gewertet worden wäre. Verantwortung ist damit keine Qualität mehr, die ihre Quelle im Menschen hat, sondern die von außen oktroyiert wird: damit wird der Begriff in seiner moralischen Dimension verkehrt.

Persönliche Freiheit endet also dort, wo das Dogma beginnt. Die Grenzen sind unterschiedlich, aber der Mechanismus ist der Gleiche: „du sollst mitspielen, aber bitte freiwillig! Gezwungen wird niemand!“. Oft genug wiederholt, führt das zu tatsächlich empfundener Freiheit. Das nennt man Indoktrination [1]. Diese Freiheit ist also in Wirklichkeit ein zur theoretischen Größe geschrumpftes Surrogat. Echte Freiheit impliziert immer Verantwortung, genauso wie Verantwortung immer die Freiheit des Anderen schützt. Doch ist es nötig, Ambiguität auch zuzulassen, immer wieder neu auszutarieren, dieses sich ständig wandelnde Feld von Ansprüchen, Anforderungen und Bedürfnissen neu zu bewerten. Freiheit ist eben hoch individuell: Antwort zu sein, individuell auf die Welt reagieren zu können ohne Diktat, welches immer ein Absprechen von Verantwortung ist. Verantwortung kann nur dann als solche gelten, wenn sie an individuelle Freiheit geknüpft ist – und umgekehrt. Und eben das kann die Sekte nie ganz zulassen. Es würde sie überflüssig machen. Übertragen auf unsere etablierte Normal- Gesellschaft würde das bedeuten, dass verantwortungsvolles Handeln nur genannt werden kann, was dieses System als solches deklariert hat. Verantwortung hat seine Ursache nicht mehr im persönlichen, sondern im kollektiven Moralkodex.

Grundsätzlich bedient sich das System des Schuldkonzeptes. Ohne das funktioniert bekanntlich keine Religion- und auch kein Staat: den BürgerInnen bzw. den Gläubigen wird aufgrund einer angenommenen Schuld (der „Sünde“) die Verantwortung des Allgemeinwohls aufgelastet: sei es die Rettung des Klimas, der Umwelt oder die Volksgesundheit.

Hierin liegt auch die Rechtfertigung aller Maßnahmen, derer man sich anzupassen oder zu unterwerfen hat: alle Maßnahmen dienen unterschiedslos dem Wohl der Menschen, sie sind übergeordnete Maßstäbe, denen sich die eigenen Vernunft unter zu ordnen hat. Alles andere wäre „egoistisch“ und „gefährlich“. Opferbereitschaft ist angesagt!

Dabei funktioniert das System selbstbestätigend: die Dogmen, Glaubenssätze und Werte sind in ihrer Gestalt immer so strukturiert, dass ihre „Wahrheit“ bestätigt wird. Alle Ereignisse, politische, globale, aber auch natürliche Phänomene wie Wetter bzw. Klima oder ein Pandemieverlauf werden gemäß der systemischen Eigenlogik gedeutet. Damit sichert sich das System gegen Scheitern ab, zementiert aber gleichzeitig die Möglichkeit echter Selbsttranszendenz. Das System ist –wie die Sekte- „in dieser Hinsicht von einer Gegenwartsblindheit geprägt, die darin besteht, dass eine hochdynamische Situation für normal und stabil gehalten wird.“ [2]

 

Die „Wahrheit“ verteidigen

Der Suchende findet in der Sekte: er findet Antworten, Sicherheiten, Gemeinschaft, Anerkennung. Der Preis dafür ist die Vereinfachung der Welt und die Delegation selbständiger Denkarbeit. In einer Welt, die in ihrer Komplexität nicht mehr verstehbar ist und in der der Einzelne in seiner subjektiven Bedeutungslosigkeit zu verschwinden droht, ist dieser Preis für viele akzeptabel. Nicht, dass sie sich dessen bewusst wären; dieses Bewusstsein muss in einem Akt der Selbsterkenntnis geschehen, des Erwachens zu schonungsloser Ehrlichkeit, genauso wie ein tatsächliches Sektenmitglied anerkennen muss, dass er oder sie selbst Sektierer ist, um frei zu werden. Sekten existieren nicht aus sich selbst heraus. Sie sind Symptome eines Mangels innerhalb der etablierten Gesellschaft. Sie bedienen Tabus, Mängel und Sehnsüchte die sonst nicht ausreichend bedient werden.

Die Sekte lebt also „einen Glauben, der seinen Wahrheitsgehalt aus dem Umstand bezieht, für wahr gehalten zu werden“ [3].

Schopenhauer soll gesagt haben, dass die Gesundheit einer Gesellschaft an dem Maße zu erkennen ist, in dem sie Humor verträgt. Sekten zeichnen sich durch eine hohe Kritikunverträglichkeit aus. Ironie, Kritik und Satire werden dort als Angriff gewertet. Weil die Sekte im Besitz des einzig wahren Welt-Verständnisses ist, werden kritische Fragen von Natur aus überflüssig. So entstehen Dogmen: im besten Falle darf man anderer Meinung sein, nur sollte klar sein, dass diese Meinung nicht die Wahrheit sein kann. Diese Deutungshoheit hat der Einzelne nicht. Es existieren intellektuelle No-Go- Areas und Tabuzonen. Das soll nicht heißen, dass unsere Gesellschaft abweichende Meinung nicht tolerieren würde; nur ist diese abweichende Meinung Privatsache. Dort sollte sie möglichst bleiben; zu Unterhaltungszwecken darf sie in Talkshows geäußert werden, wirkliches Gewicht und Gehör wird sie aber in der politischen Wirklichkeit kaum finden. Dogmen sind Konzepte, die der Stabilität eines Systems dienen; sie sind selten geronnene Wahrheiten. In logischer Konsequenz befindet sich ein Sektensystem immer im Kampf gegen etwas.

Kritikunverträglichkeit

Naturgemäß sieht sich jede Sekte Anfeindungen und Kritik ausgesetzt. Die Art, wie diese Kritik abgewehrt wird, kann sehr unterschiedlich ausfallen. Zum Beispiel finden sich häufig rhetorische Techniken wie die „Strawman- Technik“, bei der die Kritik vom eigentlichen Gegenstand auf ein Scheinproblem abgelenkt wird. Oder das „Argument ad Hominem“, wobei die kritisierende Person angegriffen wird und der Kritikpunkt damit abgewertet oder unglaubwürdig gemacht wird; das steht hinter „Bashing“. Auch das „falsche Dilemma“ ist zu nennen, bei dem das Problem auf wenige Möglichkeiten reduziert wird und damit eine Vereinfachung stattfindet, die der Wirklichkeit nicht gerecht wird. Diese Techniken sind systemkritischen Menschen aus Erfahrung bekannt; hier wird politisches oder soziales Engagement zum Kampf gegen Windmühlen. Es werden hoch aufgeladene Diskussionen geführt, es wird polemisiert und polarisiert, doch ermüdet und zermürbt der Prozess mehr als das er das Geschehen konstruktiv beeinflusst.

Die „Wahrheit“ verlässt man nicht

Sekten sind Subsysteme der Gesellschaft – zumindest von der Außenperspektive gesehen. Von „innen“ betrachtet sieht die Sache allerdings anders aus: die Welt „da draußen“ ist das Subsystem, das System, welches den Gegner bildet oder „unwissend“ ist. So bildet also jedes soziale System Eigenlogiken, die es vom Rest der Welt isolieren. Das Selbstverständnis lautet: nur innerhalb der Sekte ist alles Wissen zu finden, was der Einzelne für sein Glück braucht. Daher besteht kaum ein Bestreben, diese „Wahrheit“ zu verlassen: sie bietet doch scheinbar so viel Platz. Sekten funktionieren exklusiv, also ausschließend. Sie können sich nur bedingt Veränderungen öffnen und müssen diese Impulse dem eigenen Verständnis anpassen. Sie können nicht „inkludieren“, also das Andere, Fremde naturbelassen annehmen bzw. aufnehmen. Diese Geschlossenheit kann per se` nicht liberal sein. Der Horizont des Möglichen ist bereits festgelegt. Veränderungen brauchen deshalb sehr lange, um sich durchsetzen zu können, meist zu lange für echte Lebendigkeit. Das führt immer dazu, dass die Mitglieder unterhalb ihres eigentlichen Niveaus leben und nie völlig authentisch sein können- obwohl sie gerade das Gegenteil beteuern würden!

 Die dunkle Seite der „Wahrheit“

Ist also die etablierte Gesellschaft ein Subsystem der Wirklichkeit? Das muss sie sein, denn die etablierte Ordnung dient immer der Bewältigung des Chaos, was gleichzeitig auch Merkmal des Lebendigen ist. Diese Frage kann hier nicht erschöpfend behandelt werden. Sicher aber scheint es, dass das System durch die Dynamiken, die seinem Selbsterhalt dienen, nicht nur Gutes schafft. Der Soziologe Klaus- Joachim Rossbroich nennt diesen Effekt das „systemisch Böse“: „Logozentrische (auf Rationalität ausgerichtete) Immunisierung der Glaubenspraxis, eine ihr folgende gewalttätige Verzerrung der Alltagspraxis und Selbstvergessenheit der involvierten Individuen stützen sich gegenseitig und bilden die menschliche Wurzel der Unmenschlichkeit – das „systemisch Böse“ der Kultur.“[4] (2)

Es ist nicht die Absicht dieses Artikels, die entwicklungsgeschichtlichen Hintergründe dieser Dynamiken auszuleuchten. Doch muss klar sein: jede Gesellschaft erzeugt durch ihre Normen einen Bereich des Nicht- gewollten, der unterdrückt werden muss. Das triebhafte ES nach Siegmund Freud spielt hier eine große Rolle; die Sekte ist für diese Wirkweise exemplarisch. Das Unterdrückte erzeugt dabei Tabus, die entweder sublimiert werden oder eruptiv ausbrechen. Eine dunkle Schattenwelt existiert, Persönlichkeitsanteile, die nicht gelebt werden dürfen, führen- gespeist von unstillbaren Sehnsüchten- einen Kampf gegen die Integrität des Menschen. Der ist dadurch „gezwungen“, diese Sehnsüchte durch Ersatzhandlungen ruhig zu stellen; der auf dem kapitalistischen System beruhende Konsum bietet hierfür eine Möglichkeit, aber auch die Flucht in ideologisch aufgeladene Lifestyles. Doch nie kann der ganze, authentische Mensch darin aufgehen. Wie in der Sekte kann er nur ein Rollenspektrum erfüllen, welches er dann mit seiner Persönlichkeit für Deckungsgleich hält.

Die „Wahrheit“ verlassen: der Ausstieg

Der Sekten- Aussteiger weiß anfangs oft gar nicht, dass er aussteigt. Ich erinnere mich noch gut: Zweifel kommen, aber die beziehen sich auf Details, auf Auslegungen der Lehre. Der Kern bleibt unberührt. Und zwar lange. Man sieht sich weiterhin als Vertreter des Wahren. Das Motto lautet: "Da läuft einiges schief, das ist aber nur vorrübergehend. Es wird sich aufklären. Das System selbst ist und bleibt integer und wahr." Man glaubt weiter. Der Glaube ist nämlich ein Glaube an das Gesamtkonstrukt, nicht an seine einzelnen Elemente. Das „Äußere“, das Strukturelle, wird mit dem "Innen" verwechselt. Man hält beides für deckungsgleich.

Die Erkenntnis, dass das Objekt des Glaubens an sich unwahr ist (und das notwendigerweise in Gänze), ist eine recht späte und natürlich sehr schockierende. Taucht sie auf, wird sie von der eigenen geistigen „Immunabwehr“ auch heftig attackiert. Das will man doch nicht wahrhaben; daran hängt einfach zu viel. Die drohende notwendig werdende Neuordnung wirklich aller Anker, Überzeugungen und Stabilitäten erscheint übermächtig. Die Anschläge von 9/11 sind dafür ein Beispiel: man anerkennt vielleicht, dass die offizielle Darstellung der Anschläge unwahr sein muss, meidet aber die volle Konsequenz, die sich daraus ergeben müsste. Es gibt Geschichtslehrer, die deshalb dieses Thema völlig umgehen oder als Hausaufgabe individuell lösen lassen.

Und woher kommt letztlich der Impuls, die Komfortzone der Gemeinschaft zu verlassen? Es ist ein Unwohl- Fühlen, eine Schieflage des Wohlbefindens, die sich schleichend eingestellt hat. Die emotionale Integrität hat sozusagen einen Knacks bekommen. Diese emotionale Komponente öffnet schließlich den Zugang zu neuen Sichtweisen, sie erweitert die Toleranz, die vorher strukturbedingt begrenzt war. Nun kann ich neu ermitteln, wo meine wirklichen Neigungen liegen, wo meine tatsächlichen Bedürfnisse; das Äußere verliert an Gewichtung, die seelische Ebene gewinnt an Bedeutung. Ich definiere mich immer weniger über Leistung, Angepasstheit oder Engagement, sondern über mein inneres Erleben und meine innere Wahrheit. Ich werde glaubwürdig vor mir selbst und löse Schuldvorstellungen in mir auf: ich werde authentisch.

Dem voraus geht eine Phase, die sich „Floating“ nennt: der Boden unter den Füssen löst sich auf. Die alten Sicherheiten tragen nicht mehr, Überzeugungen geben keinen Halt mehr. Man ist gezwungen, noch einmal von vorne zu beginnen und „sich neu zu erfinden“.

Was tun?

Die Gesellschaft, in der wir leben, ist unser Bezugssystem, das uns bestimmt und welches wir meist nicht oder nicht gründlich hinterfragen. Selbst wenn wir glauben, dies zu tun, bleiben wir dabei meist immer innerhalb dieses Systems und seiner Parameter. Uns wohnt die Sehnsucht nach Sicherheit und Weltverständnis inne. In einer komplexen Welt wie der Unseren ist die Gefahr fast unausweichlich, immer wieder Konzepte zu Heilsideen hochzustilisieren, Wissen zu Überzeugung gerinnen zu lassen. Dann verengen sich der Blick und die Wirklichkeit. Wir werden abhängig von den selbst geschaffenen Gefängnissen. Und so erschafft sich die „Sekte System“ immer wieder selbst aufs Neue. Eine Sekte wurde noch nie durch eine Revolution in ein gesundes System umgewandelt. Nur der Schwund an Mitgliedern schwächt sie wirklich.

Der Ausstieg zu einer emanzipatorischen Selbsterkenntnis ist aber jedem Einzelnen selbst überlassen.

 

 

 

 

 

 

  • Sieferle, Rolf Peter: Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt. Studien zur Naturtheorie der klassischen Ökonomie. Frankfurt/Main, 1990.
  • K-J. Rossbroich: Evolution, westliche Kultur und die Zukunft Europas: Band I: Das Werden der Kultur in der natürlichen Evolution. Taschenbuch, 2016.
  • Zeller: „Das versprochene Paradies“, Hamburg, Tredition 2016.

[1] Der Schweizer Psychologe und Sektenexperte Hugo Stamm betont in seinem Buch „Sekten- im Bann von Sucht und Macht“, dass eine solche Indoktrination immer über die Gefühlsebene und die Gedankenwelt läuft. Die tendenziöse Berichterstattung der Medien an vielen Stellen weist dieses Merkmal deutlich auf.

[2] Sieferle, Rolf Peter, Frankfurt/Main 1990.

[3] Zeller, M. Hamburg, 2016.

[4] Rossbroich, K.- J., 2016.

Wir haben Pippi Langstrumpf verraten!

Warum wir gerade unsere Zukunft zerstören
Wir schauen in maskierte Gesichter- ein Planet der Affen. Wir halten uns auf Abstand, desinfizieren und vermuten hinter jedem Gegenüber den Überträger einer tödlichen Krankheit. Wir lassen Kinder nicht mehr zusammen spielen und die Polizei geht entschieden gegen Kritische vor. Wir halten Nähe für lebensgefährlich und schaffen dafür Kultur ab. Vielleicht auch den ganzen Menschen. Wir haben diffamierende Schubladen für Andersdenkende und ein Regulativ der Zensur.
Wann wird eine kollektive Neurose zur Normalität? Historisch gesehen wäre das nichts Neues; wir kennen die Mechanismen und ihre Eigenlogiken, die eigentlich unlogisch sind. Wenn eine Wahrheit verabsolutiert wird, alternativlos, wenn Beschränkungen und „Opfer“ als unausweichlich gelten, wenn kritische Fachleute in den „Qualitätsmedien“ nicht zu Wort kommen, wenn Lobbyisten mehr politischen Einfluss haben als ein breites Spektrum von Spezialisten, wenn Prognosen als unausweichliche Szenarien dargestellt und mittels einseitiger Zahlenspiele bestätigt werden- haben wir dann nicht längst den Boden gesunder Relativität verlassen und die Grundlage echten Humanismus verraten?
Eine Krankheit mit einer Inzidenz (verbreitung) von 50 Fällen auf 100000 Menschen gilt als seltene Erkrankung. Wir glauben daran, dass eine Erkrankung, die alleine nicht zum Tode führt und eine Mortalitätsrate hat, die der Grippe gleicht, bei einer Verbreitung von nur 35 auf 100 000 Menschen eine Pandemie ist (für die die Definition des Begriffs eigens angepasst wurde), die jedes Opfer rechtfertigt- zumindest sollen wir das glauben, denn es ist die offizielle Darstellung der Regierung. Dazu müssen die Betroffenen gar nicht erkrankt sein! Es braucht nicht einmal eine fachärztliche Diagnose! Ein Testergebnis genügt!

Die freiwillige Unterwerfung darunter hat etwas höchst Irrationales. Der Anstieg der Suizide, der psychischen Probleme, der wirtschaftlichen Folgeschäden, die Spaltung und die Verzweiflung innerhalb der Gesellschaft stehen in keiner Verhältnismäßigkeit zum Nutzen der Maßnahmen- auch das steht bereits unzweifelhaft fest.
Wo sind die Helden unserer Kindheit? Wo die Sehnsucht nach der anarchischen Kraft von Pippi Langstrumpf, die wir so bewundert haben? Wir haben uns damals schon nicht getraut zu sein wie sie. Wir waren doch alle lieber Tommy oder Annika, die abends das sichere und warme Zuhause erwartete.

Wo aber ist die Größe des Geistes geblieben, mit der wir alle Unmenschlichkeit überwunden geglaubt zu haben? Wo ist das Kulturwesen Mensch, der sich selbst als Teil des Werdens und Vergehens erkannt hat? Sie sind zerschellt am Banalen: die „Pandemie“ (oder das, was wir daraus machen) hat alles Heilige abgeschafft, jeden tiefen Sinn des Seins. Der Mensch ist reduziert auf einen Verwaltungsgegenstand, ein Objekt, dessen Verhalten nun der vollständigen Kontrolle unterworfen worden ist: nur durch absolute Kontrolle ist das Unbeherrschbare beherrschbar. Wir sind „aufgeschlagen auf dem Betonboden des rein Materiellen“ wie es der Philosoph Jochen Kirchhoff ausdrückt. Der Zynismus dahinter bleibt unentdeckt: Leben ist gerade das Unbeherrschbare, das Spontane, das sich im Menschen durch seine Individualität ausdrückt. Der Mensch bezieht seine Würde eben gerade nicht über die Unterwerfung unter das Kollektiv. Das haben wir angeprangert bei Hitler, Mao und Kim Jong Un. Der Mensch soll mündig sein! Sapere Aude! Wenn Vernunft nun mit Informations- Wahrheits- und Moralabsolutismus gleichgesetzt wird, haben wir die errungene Freiheit und Würde des Menschen wieder abgeschafft.

Die kollektive Neurose wurzelt zu großen Teilen im abendländischen Selbstverständnis: wir wurden „in Sünde“ geboren, und unsere Kindheit war geprägt von der subliminalen Botschaft: du genügst nicht! Wenn Fleiß die „Ablassleistung“ der Vergangenheit (insbesondere im Kapitolozän) war, so ist es heute der Gehorsam und die Angepasstheit. Schuld ist dabei der Humus, auf dem die Neurose wachsen kann. Es ist uns bisher nicht gelungen, uns von der „Erbsünde“ zu befreien- noch immer glauben wir, unsere Existenz rechtfertigen zu müssen.
Immer noch wollen wir erlöst sein von der unbewussten Erbsünde und ihrer Schuld. Und wir glauben daher den Erlösungs- Versprechungen. Im Namen der Gesundheit und der Sicherheit, Werte, die zu Imperativen hochstilisiert werden und faktisch zu Worthülsen werden.

Wir wollen lieber das warme und sichere Zuhause, nicht das Risiko. Pippi`s waren schon immer in der Unterzahl.
Wir entscheiden nicht mehr für uns selbst. Entscheidungen über mein Leben sind völlig zurückgedrängt ins Private ohne Wirkkraft im öffentlichen Raum. Demokratie macht reiner Technokratie Platz, in welcher meine Selbstbestimmung Makulatur ist. Deshalb verraten wir unsere Würde. Wir demütigen uns als gehorsame Kinder.
Wo werden wir sein in einigen Jahren? In einer freie Gesellschaft, gesund an Körper und Seele? Einer Welt, die der Natur die Unberechenbarkeit genommen hat? Einer Welt, in der jeder verwirklicht sein kann? Eine nachhaltige Welt, die integriert und inkludiert? Eine Welt, die flexibel auf die Bedingungen reagieren kann, deren Teil wir selbst sind?
Oder eher eine Welt, die bekämpfen muss, was spontan und unkontrollierbar ist? Eine Welt der technischen Planwirtschaft, in welcher der Mensch selbst nur noch kalkulierbarer Faktor ist? Eine Welt, die außerstande ist, Dinge hinzunehmen und den Begriff des individuellen Schicksals zugunsten scheinbar „sicheren“ Morgen abgeschafft hat?

Die Krise würde sofort enden, würden wir das Leben wagen. Körperliche und seelische Gesundheit resultieren nicht aus Isolation gepaart mit chemischen Kampfstoffen in unseren Körpern. Die Krise repräsentiert nur eines wirklich: die geistige Verfassung der Mehrheit. Sie ist nicht „von außen“ über uns hereingebrochen wie eine Naturkatastrophe. Wir haben sie erzeugt und zur Glaubenssache gemacht, einem Glauben, der unsere Werte sichtbar werden lässt.
Der Graf von Shaftsbury, seines Zeichens englischer Philosoph der Neuzeit sagte: „Das Sittliche ist die harmonische Ausgestaltung dessen, was als natürliche Anlage im Menschen ist“.
Pippi Langstrumpf formulierte das so: „Vielleicht sollten wir einfach tun, was uns glücklich macht und nicht, was am Besten ist!“.

Der Unfall- eine phantastische Geschichte

Alex Friedemann schlug die Autotüre hinter sich zu, das Geräusch des Regens erstarb. Der Tag war stressig. Seit er Leiter der Abteilung für Gentechnik am Institut geworden war, blieb kaum noch Zeit für die Familie.
Es verging kaum eine Stunde, in der nicht ein Berufskollege aus irgendeinem Teil der Welt anrief, Mailte oder ein Fax schickte. Eric, sein Freund und Soziologieprofessor an der Uni bemängelte, dass es scheinbar keinen Berufsethos ohne persönlichen Ehrgeiz mehr gäbe; selbst auf einem „moralisch so anspruchsvollen Gebiet“ wie der Gentechnik, wie er sich ausdrückte, scheine der Wettkampf die eigentliche Triebfeder des Handelns zu sein.
Quatsch, dachte Alex. Die Menschen haben die Schwelle überschritten, die sie so lange an der wichtigen Entwicklung gehindert hat, nämlich die nationalen Grenzen. Endlich können Wissenschaftler aller Länder gemeinsam forschen, nicht zuletzt dank moderner Kommunikationstechnologie sinnierte Alex, während er im zähen stopp-and –go Verkehr die Fußgänger beobachtete, meist Pendler, die meisten auf dem Weg nach Hause. Jeden Tag hatten sie alle den gleichen Ausdruck im Gesicht: grau und in sich gekehrt, fast verbissen, wie in stiller Trauer. Wie der Regen.
Die grelle Leuchtreklame des großen Kaufhauses wollte genauso wenig dazu passen wie die unglaublich gute Laune des Radiomoderators, die weder durch den wenig hoffnungsvollen Wetterbericht, noch durch den fast vierminütigen Stau Bericht getrübt wurde, den er gerade verlesen hatte. Jaja, jeden Tag diese Staus, diese Verschwendung. Wir haben Systeme konstruiert, die nicht bedarfsgerecht funktionieren. Auch dafür wird die moderne Wissenschaft eine Lösung finden, ging es Alex durch den Kopf.

Inzwischen floss der Verkehr wieder, er hatte die Innenstadt Freiburgs hinter sich gelassen. Alex freute sich auf die Landstrasse, in die er jetzt einbog. Kurvenreich führte sie in die kleineren Ortschaften des vorderen Schwarzwaldes, wo auch Alex seit fünf Jahren mit seiner Frau Silvie und seiner Tochter Lea lebte. 29km zum abschalten lagen vor ihm; im Geiste war er auch jetzt bei seinem Projekt, vielleicht in gemäßigterem Tempo. Alex stellte die Sitzheizung seines Jaguar ab. Ja, er konnte zufrieden sein; nach diesem Jahr würde er sich mehr Zeit für Lea nehmen können- vielleicht würde er sogar nur noch vormittags arbeiten. Oder nur noch von Zuhause aus. Die Villa hatte Alex eigens mit einem großen Büro und der Möglichkeit bauen lassen, ein Labor einrichten zu können.
Ein Urlaub mit der Familie wäre auch nicht schlecht; das letzte Mal, dass sie gemeinsam in Urlaub waren, ist sechs Jahre her; damals war Lea gerade mal zwei.
Wofür habe ich die Jacht für 115 000.- Euro gekauft? Seit zwei Jahren liegt sie in San Remo und wurde bis auf die Sylvesterfeier letztes Jahr mit Erics Familie und ein Paar Wochenendausfahrten nicht genutzt!

Der Regen wurde heftiger; selbst auf der stärksten Stufe hatten die Scheibenwischer die größte Mühe, für freie Sicht zu sorgen. Alex konnte sich nicht erinnern, einen solchen Regen erlebt zu haben. Kein anderes Auto kam ihm entgegen. Sollte es etwa einen Erdrutsch gegeben haben? Seltsam, dachte Alex, hatte der Radiofritze nicht was von „gelegentlichen Schauern“ gesagt? So eine Sintflut hätte doch prognostiziert werden müssen!
Er versuchte, noch einmal an den Urlaub zu denken; „heute werde ich mit Silvie darüber reden“! Nicht ohne eine gewisse Bitterkeit wurde Alex bewusst, dass sich die Gespräche mit seiner Frau seit langem nur noch um die Abläufe des Alltags drehten.
Alex wechselte den Sender; die Dokumentation über den jüngsten Terroranschlag im nahen Osten passte nicht zu der Stimmung, nach der ihm gerade war. Warum wird so etwas eigentlich ständig in den Medien gebracht? Das bringt uns doch nicht weiter! Ständig passieren tausende von Dingen und in den drei Minuten Nachrichten hört man immer dasselbe: schlimm und weit weg. Dabei gibt es soviel gutes, soviel beeindruckendes! Erst letzt Woche wurde in England ein Weg entdeckt, das Wachstum von Krebszellen umzukehren – Sie entwickelten sich nicht, sie degenerierten. Sicher, es war nur ein einfacher Stamm gewesen, aber immerhin.

Zu spät sah Alex die scharfe Linkskurve. Erschrocken riss er das Lenkrad herum, das Heck des Wagens brach aus, Alex versuchte, ihn abzufangen, vergeblich. Ein hässliches Krachen folgte, als der Jaguar die Leitplanke durchbrach. Alex fühlte sich wie in einem Karussell, alles schien sich mit irrwitzigem Tempo zu drehen, es war endlos. Ein endloser Horrortrip, auf Sekundenlänge zusammengestaucht, ein endloser Horrortrip…

Bin ich verletzt? War ich ohnmächtig? Ging es Alex durch den Kopf. Jedes Zeitgefühl hatte ihn verlassen, als er die Augen öffnete und der seltsamen Stille lauschte, die ihn umgab. Zum Glück steht der Wagen auf den Rädern und liegt nicht auf dem Dach, dachte Alex. Offenbar bin ich unverletzt.
Langsam öffnete er die Tür, als erwarte er, doch noch von einem überraschenden Schmerz gepackt zu werden.
Der Regen hatte aufgehört. Ich muss doch ohnmächtig geworden sein, überlegte er. Verrückterweise war der Boden hier völlig trocken.
Der Himmel war von einem gleichförmigen, beklemmenden grau überzogen. Wenigstens hat es aufgehört zu schütten, dachte Alex und begann die Böschung zur Strasse hinaufzuklettern. Der Wagen war ca. 40 Meter hinter der Leitplanke zum stehen gekommen, nachdem er sich offenbar mehrmals Überschlagen hatte.“ Wird ja bald jemand vorbeikommen, “ dachte er sich.
An der Strasse angekommen, schrak Alex zusammen: die Fahrbahn war in beide Richtungen mit Rissen Übersät, aus manchen ragte fahl – grünes Gras. „Was zum Teufel…?“ Alex sah sich um. Da, wo eigentlich sonst dichter Nadelwald stand, war nur karger Fels und ein Paar Baumstümpfe – verkohlte Stümpfe. Kein Vogel war zu hören, geschweige denn irgendein Anzeichen von Menschen. Alex schlug den Kragen seines Mantels hoch; es war empfindlich kalt.
Das Handy! Schoß es ihm durch den Kopf und er griff in seine Manteltasche. „NETZSUCHE“ stand auf dem Display. „Fantastisch“ wunderte sich Alex über das Funkloch, das er hier noch nie erlebt hatte.
Da fiel sein Blick auf einen dürren Strauch, in dem sich ein Stück Zeitungspapier verfangen hatte. Alex nahm den Fetzen. Es war die Titelseite der „süddeutschen Zeitung“, zumindest ein verblichenes Stück davon. Der lesbare Teil der Schlagzeile lautete: „…drohen UN mit Einsatz von Atomwaff…“ Alex überlief ein Schauer. Dann las er das Datum. Es war gerade noch lesbar: 20.4.2049. Er las noch einmal. Langsam. Das hier war ein verdammter Scherz. Oder…? Die Bäume, die Strasse… das Radio! Er würde das Radio anmachen und aus diesem Albtraum erwachen! Genau!
Er hatte kaum fünf Schritte in Richtung seines Autos gemacht, als er laut aufschrie.
Anstelle seines neuen, grünen Jaguars X-Type stand dort nur noch eine völlig verrostete Karosse. Kein Lack, keine Scheiben, selbst das Leder der Sitze hatte sich aufgelöst!
„Natürlich!“ schrie Alex mit wahnsinnigem lachen, „so sieht ein Auto eben nach 31 Jahren in der Wildnis aus!“
Das alles schien wirklich zu sein, kein Traum. Alex sank in die Knie. Noch einmal sah er zu seinem Wagen und bemerkte jetzt das Wort, das deutlich lesbar auf der Fahrertür stand:

KREBSZELLEN

las Alex in grünen Buchstaben, gebildet von dem Lack, der noch zu sehen war.
Weg! Weiter! Die Strasse entlang, da komme ich unweigerlich irgendwohin, wo es eine Erklärung gibt..!

Alex lief in die Richtung, in der sein Haus lag – oder liegen müsste. Unterwegs sah er nirgendwo ein Zeichen von Leben, nicht mal ein Insekt.
Die Angst, diffuse Angst lies ihn schnell laufen, jedoch verlies ihn bald die Kondition – für sportliche Betätigung hatte er bisher keine Zeit gehabt. Alex setzte sich an den Rand der kaputten Strasse. In einer Senke hatte sich eine Pfütze gebildet und er bemerkte seinen Durst. Er Überlegte , ob es schaden könne, von dem Wasser zu trinken. „Und wenn schon!“ sagte er laut, dachte an den Fetzen der „Süddeutschen“.
Alex trat an die Pfütze und erschrak so heftig, dass er fast vornüber gefallen wäre: Im Wasser waren Menschen zu sehen, als spiegelten sie sich darin, es war fast wie durch ein Fenster, wie auf einem Bildschirm.
Alex spürte sein Herz schlagen. Inmitten dieser trostlosen Ödnis konnte er in der Wasserlache ein Dorf sehen, eingebettet in eine Sommerwiese auf der Kinder spielten. Er spürte förmlich die Wärme der Sonne. Das Dorf hatte eine sonderbare Architektur. Die Häuser waren rundlich oder aber fein verästelt und ihre Farben leuchteten wie ein Blumenmeer. Alles schien wie von der Natur selbst gebaut.
Alex fixierte die Szene noch intensiver mit wachsender Faszination: Hunde, Katzen und andere, sonderbare Tiere, die er nicht einmal aus Zoo kannte, tollten frei herum. Augenscheinlich gab es keinerlei technische Geräte. Da waren auch ältere Menschen, auch sie wirkten unglaublich zufrieden und agil.
„Ein Traum, eine Vision!“ dachte Alex und kniff die Augen zusammen. Als er sie nach einigen Sekunden wieder öffnete, war die Szene in der Pfütze wieder Verschwunden. Stattdessen starrte Alex auf die Wörter, die wie mit zähem Teer geschrieben im Wasser schimmerten:

ENTWICKELN SICH NICHT

Alex sprang auf, lief weiter, stolperte und schürfte sich die Handflächen auf. Es brannte wie Feuer. Das ist kein Traum!!

Nach zwei Stunden Fußmarsch erreichte Alex St. Peter, den Ort, wo er wohnte – oder gewohnt hatte? Er wusste erst, dass er die Ortschaft erreicht hatte, als er vor einem Steinhaufen stand vor dem ein Metallschild lag auf dem stand: „Zum schwarzen Raben“. Jeden Freitag kam er zum Skat hierher.

Im ganzen Dorf standen nur noch Ruinen. Alex setzte seinen Weg fort und einige hundert Meter weiter stockte Alex erneut der Atem: Unter einem rostigen Autowrack lugte etwas längliches, helles hervor. Ein menschlicher Knochen, und zwar ein Arm, wie Alex feststellte. Die dazugehörende Hand hielt immer noch etwas schwarzes umklammert: eine Pistole.
Alex war von dem Anblick so entsetzt, dass er die Skelette, die hier überall herumlagen erst bemerkte, als er sich weiter umsah. An dieser Stelle befand sich normalerweise eine Tankstelle, gleich daneben ein Supermarkt. Von beidem waren nur noch verkohlte Ruinen übrig. Vor dem ehemaligen Supermarkt lagen die Skelette teilweise übereinander, bei manchen hingen noch Stofffetzen über den Knochen, einige hatten zertrümmerte Schädel. Es sah aus wie nach einem regelrechten Massaker.
„Was war hier los?“ hämmerte es in Alex` Kopf. „Welche Anarchie…?“ Plötzliche Schwindel lies ihn taumeln. Übelkeit überkam ihn. Er wollte zu seinem Haus, oder zu dem, was davon übrig war… oder sein wird… verdammt! „Silvie, Lea!“

Er stolperte über Schutthügel und metertiefe Risse, über verbogenes Blech und verbranntes Holz.

Atemlos blieb er vor der Ruine stehen, die einmal seine Villa gewesen war. Leer und schwarz gähnten ihn die Fenster an. Alex wollte näher treten und bemerkte zu spät das Loch.
Silvie hatte es gefallen, einen echten Brunnen im Garten zu haben. 16 Meter tief hatte man graben müssen.

Während des Fallens erwartete er den Aufprall. Aber der wollte nicht kommen. Das Rauschen, der starke Luftzug, es wollte nicht enden.
Alex riss die Augen auf – und schloss sie gleich wieder.
Der Wind, immer wärmer, er kam von vorne, Alex saß. Ja, tatsächlich, ich sitze!
Er fand sich auf dem Oberdeck auf einem der Ledersessel hinter dem Steuer seiner Jacht wieder, die mit voller Fahrt durch das tiefblaue Wasser jagte. Alex fühlte Panik. Ruckartig fuhr er herum. Da saß Eric, mit einer Flasche Bier in der einen, einem Magazin in der anderen Hand und schien offensichtlich von Alex` Gesichtsausdruck verwirrt zu sein: „Was für einen Geist hast du denn gesehen?“ hörte Alex Eric fragen. Und gleich vernahm er noch eine andere, vertraute Stimme: „Papa, gehen wir heute noch in die Delphinshow?“ Lea kam aus der Kajüte.
„Wir sind heute Abend bei Fleischmanns in Cannes eingeladen!“ Das war Silvies Stimme. „Diesmal kommst du nicht drum herum, Alex Friedmann. Wenn du in den Landtag willst, musst du gewisse Kontakte pflegen!“

Ein Knall peitschte Übers Wasser und Alex zuckte zusammen. Dort, ca. 500 Meter querab lachten und johlten ein paar scheinbar angetrunkene Gestalten auf einer weißen Jacht, von der gerade ein Rauchwölkchen verwehte.
„ Mövenschießen“ sagte Eric verächtlich. „Idioten!“
Jetzt fiel Alex` Blick wieder auf das Magazin in Erics Hand und wie gebannt blieb er an den fettgedruckten, seltsam leuchtenden Buchstaben hängen, die die Kopfzeile bildeten:

SIE DEGENERIEREN

Erneut erfasste ihn ein starkes Schwindelgefühl, diesmal konnte er nicht dagegen ankämpfen. Er rutschte von seinem Sitz und das blau des Himmels wurde schwarz.

„Es geht schon“ stammelte Alex als er merkte, das man sich um ihn bemühte und versuchte zu begreifen, warum der blaue Himmel rhythmisch blinkte. Außerdem tropfte ihm ständig Wasser ins Gesicht. „Verdammter Regen“ sagte eine unbekannte Stimme. Alex zwang sich, die Augen zu öffnen.
Er lag auf einer Trage und wurde gerade von zwei Sanitätern in einen Krankenwagen gehoben.
„Ein Unfall“ sagte einer der beiden, als er bemerkte, dass Alex das Bewusstsein wiedererlangt hatte. „Es war ein Unfall“ und fügte nachdenklich hinzu: „Ich möchte nur wissen, wie Sie sich die Schürfwunden an den Händen geholt haben…“