Wie ist eine Massenneurose möglich?

Oder: Warum glauben wir, was wir glauben?

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Die Schwierigkeit, die sich von vorneherein bei solch einem Thema stellt, ist die Herausforderung, die richtige Referenzgröße für den Begriff „Gesund“ zu finden. Ich bezweifle, dass wir ihn überhaupt definieren können.

Die Neurose ist die Abspaltung bestimmter Dinge, die mit negativen Gefühlen belegt sind. Sie ist das nicht-wahr-haben- wollen einer Wirklichkeit, die einem nicht gefällt. Damit einher geht der Versuch der Vermeidung durch Kontrolle. Die Neurose grenzt sich also übermäßig starr gegenüber Teilen der Wirklichkeit ab und ersetzt diese durch Vorstellungen – oder Wahninhalten.

Der Neurotiker ist also der Mensch, der zwar im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, aber nicht in der Lage ist, die ganze Wirklichkeit zuzulassen, mit der ihn das Leben konfrontiert.

Warum können wir nicht die ganze Wirklichkeit zulassen? Warum haben wir Angst vor der ganzen Wahrheit? Warum sind wir nicht fähig, ganz ehrlich mit uns selbst zu sein?

Die Fragen sind drastisch, Antworten sind einfach. Eine wäre: wir wollen nicht an unseren innersten Ängsten rühren. Wir wollen uns nicht eingestehen, dass wir uns und das Leben als mangelhaft empfinden. Das zwingt uns zur Unehrlichkeit. Wir sublimieren: wir kleiden uns mit Wissen, verstecken uns unauffällig hinter Durchschnittlichkeit oder wehren uns laut im Widerstand und Rebellion.

Die Folge: wir sind nicht wahrhaftig und bemerken es auch gar nicht. Wir übergehen- oder schlimmer: narkotisieren- unsere unterdrückten Gefühle. Deren Unterdrückung wird zur Gewohnheit.

Dabei versäumen wir, hinter unseren Trotz zu schauen. Mein Trotz hat nämlich nicht seine Ursache in dieser bösen Welt, sondern in mir selbst: in meinen Tiefen, in der Ablehnung durch meine Eltern in tausend Enttäuschungen unseres Lebens. Es ist einfacher, den Unfrieden dort nach außen zu projizieren. Wir erkennen nicht, dass unser ganzes Leben zum großen Teil der Versuch ist, uns selbst unseren Wert zu beweisen und deshalb ein einziger Kompensationsversuch. Deshalb haben wir Angst vor der Wahrheit hinter unseren selbst ernannten Wahrheiten. Es ist uns unmöglich, Ja zu sagen zu dem was ist und zu erkennen, dass die ganze Welt EIN gemeinsames Kollektiv ist, das sich genauso verhält, wie es sich verhalten muss. Das System ist von uns –der Summe der Individuen- beauftragt.

Und vielleicht müssten wir uns eingestehen, dass wir uns beim Versuch, unserem Leben Bedeutung zu verleihen – oder einfach nur angenommen zu werden-verlaufen haben. Und das der Versuch, sich nicht lächerlich zu machen, genau dazu führt.

Aber was ist die Täuschung? Die Täuschung ist die Verheißung auf ein besseres Leben. Der Glaube, dass die Gegenwart nicht vollständig, sondern ein Provisorium ist.

Damit kommen wir zu einer weiteren Antwort: wir ertragen Stille nicht. In der Stille wird es laut in uns, denn in der Stille will sich die Wahrheit in uns Gehör verschaffen. Eine Ruhelosigkeit treibt uns. Ihre Ursache ist Angst. Angst, etwas zu versäumen, nutzlos zu sein, vom Leben nicht gelebt und geliebt zu werden. Dieser Angst setzten wir Aktionismus entgegen. Wir glauben dann, dem durch ausreichend Informationen, durch ausreichend Fleiß, durch ausreichend Angepasstheit oder Unangepasstheit die Stirn bieten zu können.

Wir fürchten, unsere innere Stimme- unsere Intuition- könnte zu laut werden. Wir fürchten, wir müssten uns vielleicht lösen vom allgemeinen „Richtig“, was möglicherweise unbequem werden könnte.

Warum also glauben wir, was wir glauben? Warum halten wir es für richtig und sogar anderen Meinungen gegenüber überlegen?

Weil wir glauben, was unserer Disposition entspricht- nur haben wir von dieser Disposition meist wenig Ahnung. Sie ist ja unser stilles Betriebsprogramm. An dem zweifeln wir nicht. Wir haben den Zweifel eher an den verkehrten Stellen.

Warum ist diese Welt so „schräg“? Warum kommen wir so selten auf die naheliegende Schlussfolgerung, dass sie so schräg ist, weil wir für gesund halten, was in Wirklichkeit neurotisch ist? Nein, das sind doch eher die anderen, die Fraktion dort drüben…

Nochmal: Warum glauben wir, was wir glauben? Weil wir unseren inneren Frieden nicht gefährden wollen. Ein stimmiges Weltbild ist uns wichtiger als die ganze Wahrheit.

Was aber nützt Wahrheit, wenn sich keiner dafür interessiert?!

Der Neurotiker hält sich für überaus tugendhaft. Er ist gar eine Instanz der Tugendhaftigkeit. Er sieht sich als Vertreter höchster Werte. Das kennen wir: je tugendhafter ein Mensch, umso fanatischer ist er. Im Durchsetzen seiner hohen Werte interessieren ihn die Kolateralschäden nicht, auch wenn sie seinen Werten naturgemäß entgegen stehen.

Die Tugend, diejenige erhabene Form von Menschlichkeit, welche sich aus dem unreifen Status der Unmündigkeit selbst in die aufgeklärte Reife gehoben hat, kennt viele Gesichter: der religiöse Fanatiker beansprucht sie genauso für sich wie der liberale Politiker. Die Tugend braucht die Abgrenzung. Und plötzlich ist- was gestern noch als intolerant gegolten hätte, heute „tugendhaft“.

Die neue Tugend der Massen-Neurose ist eine Uniform, unter der Begriffe wie SOLIDARITÄT, FREIHEIT, SELBSTBESTIMMUNG oder GESUNDHEIT bis zur Unkenntlichkeit verformt werden. Tugend ist ein Kampfmittel. Wer sich gegen sie stellt, ist unsolidarisch, egoistisch und ein hoffnungsloser Querkopf.

Der Neurotiker will das unvermeidliche vermeiden. Statt es zu integrieren, bekämpft er es. Da das Bekämpfte aber immer nur ein Stellvertreter seiner eigenen, inneren unaufgelösten Konflikte sein kann, muss er es künstlich aufblähen. Das, was er als Problem deklariert hat, ist in Originalgröße meist unbedeutend und unerheblicher Teil des normalen Weltgeschehens. Es erhält seine Dimension und seine Bedrohlichkeit also ausschließlich durch die Zuschreibung des Neurotikers.

Und so findet der Neurotiker Heimat unter heimatlosen Gleichgesinnten. Sie sind verbunden durch die unbewusste Übereinkunft, nicht nach innen zu schauen und dort Frieden zu schaffen. Es ist ein kleines, sich nun einig zu werden, was derzeit als Feindbild und Ursache allen Übels betrachtet werden kann. Feinstaub, CO2, Migranten, ein zur Pandemie hochstilisiertes Virus, ganz egal. Der Neurotiker kann keinen gesunden und authentischen Bezug zur Umwelt haben und deshalb auch keine harmonische und nachhaltige Lebens-Politik betreiben. Er wird weiter darauf warten, dass „man“ eine Lösung findet, eine „Erlösung“ von all den Projektionen und dass dann irgendwann- endlich- wieder das goldene Zeitalter anbricht.

Mit einer gewissen Selbstironie bezeichenen wir uns selbst manchmal als "Normalneurotiker". Das mag in einer zutiefst kranken Welt normal sein. In einer Welt, die zukunftsfähig ist, liegt die Verantwortung bei jedem Einzelnen selbst, an Psyche und Körper gesund zu sein, denn: eine neurotische Welt ist nicht zukunftsfähig. "Erkenne dich selbst!"- und hilf, eine gesunde  Welt mit zu gestalten.

 

Das Phänomen Sekte – eine religionspsychologische Analyse

Oder: Sekte überall?

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Die Welt ist in unüberschaubarer Weise pluralistisch geworden. Traditionelle Religionen haben an Boden verloren, Sekten hingegen haben Zulauf. Was unterscheidet die Sekte von tradierten Kirchen und individueller Glaubenspraxis? In welchem Sonderstatus befindet sich die Sekte in der religiösen Landschaft? Was sind ihre psychologischen Funktionen? Und: sind die brisanten Dynamiken auch in der Normalität unserer gesellschaftlichen Systeme versteckt?

Religio, die Rückanbindung, war immer der Gegenpol zum diesseitigen, rein materiellen Dasein, ein Gegenpol zur Ratio, zum reinen Verstand, dem es eben nie ganz gelungen ist, alles zu verstehen. Religion orientiert sich an der geistigen Natur des Menschen, die ihn ebenso ausmacht wie seine rein physische Natur. Damit ist sie Teil menschlicher Lebenswirklichkeit.

Die Sekte geht allerdings darüber weit hinaus. Sie erweitert den Menschen nicht, sondern sie engt ihn ein. Sie übergeht den Einzelnen mit seiner Hoheit und Selbstbestimmtheit und macht ihn zum Objekt: er steht also bildlich gesprochen nicht mehr „zwischen Welt und Gott“, sondern er wird zum funktionalen Bestandteil eines autokratischen Gebildes.

Wieso gibt der Mensch diese Hoheit so leicht ab? Der Schweizer Psychologe Hugo Stamm sieht ursächlich dafür die Ängste, die Desorientierung und seelische Defizite, die dem heutigen Menschen angesichts andauernden Wandels der Welt belasten. Die eigene Bedeutungslosigkeit in der unüberschaubaren Welt wird seiner Meinung nach durch einen narzisstischen Rückzug kompensiert. Und ja, narzisstisch ist der Sektengläubige, hält er sich doch für exklusiv vom Weltschöpfer begünstigt oder wähnt sich im Besitz besonderen Wissens.

Im Besitz- dieses Stichwort führt uns zu Erich Fromm. „Haben oder Sein“ heißt eines seiner Hauptwerke, worin er zwischen diesen beiden Arten des Seins unterscheidet. Darin finden wir folgende Aussage:

„Sehen wir Wissen als eine Art des Besitzes an, das uns Sicherheit und Identität verleiht…nimmt es die Eigenart eines Dogmas an, das uns versklavt“. Fromm  geht weiter und zeigt auf, dass der Mensch dazu neigt, sein „ich“ als ein Ding zu sehen, in dessen Besitz man sich befindet, es ist die Basis unserer Identitätserfahrung: wir haben einen Körper, haben einen Namen, ein Alter usw. Die Schwierigkeit leuchtet schnell ein: zu schnell erzeugt diese Wahrnehmungsgewohnheit eine Welt der scheinbaren Objekte, die miteinander in einer Objektbeziehung stehen.

Diese Objektbeziehung hat etwas von einem Geschäft: symbiotisches Geben und Nehmen ist beim Menschen noch um rationelles Kalkül erweitert. Genau das bedient die Sekte. Es ist das Versprechen um einen metaphysischen Preis, allerdings ohne Gewähr, denn die Haftung liegt bei Gott selbst.

Schon Kierkegaard stellte fest, dass Glaube nur echt ist, wenn sich seine Existenz im Glaubenden begründet. Die Sekte objektiviert Glaube UND Individuum und muss schon an dieser Definition als Glaubensinitiator scheitern.

Genauso wie der Ablasshandel der Kirche im Mittelalter nur an die Angst der Menschen anknüpfen konnte und ohne diese nicht funktioniert hätte, kann die Sekte nicht ohne ein Mindestmaß an Angst existieren. Dabei kann diese Angst durchaus subtil sein: die Angst, sein eigenes Potential nicht auszuschöpfen oder überhaupt nicht gut genug zu sein, findet bei der Scientology Sekte ihre Resonanz genauso wie bei fernöstlichen Gurus. Das Leben und die Existenz an sich wird vom Sektenanhänger als ungenügend empfunden, gleichzeitig spricht er sich selbst die Vollständigkeit und das volle Lebensrecht ab. Er will Opfer bringen um sich die Verheißung zu verdienen. Die „Morgenlandfahrt“ wird zum Selbstzweck. Nochmal Fromm: „gemäß der Seinsweise des Habens liegt die Mitte eines Menschen nicht in ihm selbst, sondern in der Autorität, der er sich unterwirft“.

Der Gläubige ist also eigentlich ein ungläubiger, denn er glaubt nicht an sich selbst, an seinen natürlichen Wert, an die Richtigkeit seiner Intuition und an die Richtigkeit des Kosmos so wie er gerade ist. Es fehlt ihm an Vertrauen in das Leben selbst. Er hat nämlich keine klare Vorstellung von dem, was das Leben selbst sein soll, was es im Kern ist. Das verbindet ihn mit der modernen Wissenschaft, die zwar genau die Prozesse beschreiben kann, die das Leben im Biologischen bewirkt, aber nicht deren Essenz und Natur. Es ist wie als würden wir alle Teile eines Fernsehers in ihrer Funktionsweise verstehen, nur ohne zu wissen, was Fernsehen ist.

Die Vermutung liegt also nahe, dass sich Wissenschaft und Sektierertum gegenseitig begünstigen. Und tatsächlich finden wir eine entwicklungshistorische Korrelation. Im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden die meisten Sekten gegründet und das augenscheinlich in den Industrieländern.

Auf der einen Seite des Sektenspektrums finden wir heute die Fraktion, die in der physikalischen Welt einen Beweis für ihre Planung erkennt und damit einen Beweis für die zwangslogische Existenz eines „Planers“. Auf der anderen Seite finden wir die, die in der rein materialistischen wissenschaftlichen Erklärung eine Skelletierung der Welt sehen, die Vereinseitigung der Existenz und ihre Reduzierung auf ein rein chemisches Zufallsereignis.

Beides liefert radikalen Metaphysiken reichlich Nährboden. Beides polarisiert und teilt die Welt in ein Entweder- Oder auf. Damit knüpft die Sektenlehre an die anthropogene Sehnsucht nach einer erklärbaren und wahren Welt an. Aber auch die spirituelle Sektenszene tappt in diese Falle, auch wenn sie es nicht gerne sieht: durch Dogmatisierung wird die Welt eben gerade nicht transzendiert, auch wenn das auf der Agenda steht. Wenn meine Erfahrung und Selbstwahrnehmung nicht ihre Quelle in meinem Innern hat, muss sie zwangsläufig Vorstellung, ein „Imagio“ sein. Ich bin dann nicht mehr der Welt ein unmittelbares Gegenüber, sondern da ist etwas dazwischengeschaltet; ein Prinzip und Konzept, welches voreingestellt ist und dualistisch arbeitet.

Der Glaube an die Sektenlehre ist immer zirkulär und daher selbstbestätigend. Deshalb ist er angreifbar. Das ist ein Problem vieler Systeme, denn ihre erkenntnistheoretischen Grundlagen basieren auf Annahmen, die nicht für sich alleine stehen. Oft sind sie Konstrukte spezifisch menschlicher Wahrnehmung und deren nachgeschalteter Logik. Und noch immer halten wir diese für geeignet, die Welt vollständig abzubilden.

Die Sekte kann als Versuch gesehen werden, das Nichtfestlegbare festzulegen. Die Sekte verspricht Zugriff auf Wahrheit und die Fixierung des Wissens. Das kommt dem entgegen, was als „Auftrag“ menschlichen Bewusstseins gedeutet werden kann: das Sammeln von Erfahrung in einem reflexiven und damit Selbst-bewussten Raum. Im Menschen übertritt Bewusstsein die Ebene schierer Existenz und kann das eigene Dasein beobachten und bewerten. Es fragt. Die Frage ist das kognitive Mittel, die Selbstreferenz des übrigen Lebens zu überschreiten. Mit der Frage wird Dasein erst sichtbar. Die ANTWORT hingegen ist regressiv. Die Antwort will keine Veränderung, sondern Gewissheit. Gewissheit im absoluten Sinne aber ist niemals Merkmal von Existenz, weshalb man an dieser Stelle das Axiom aufstellen könnte: „alle Lehren sind falsch“. Denn: sie können nur Ausschnitte sein, Perspektivenbeschreibungen und wahrnehmungsspezifische Erscheinungen menschlicher Kognitionen.

Der Mensch neigt eben dazu, Antworten als Sicherheiten zu erfahren. Diese Neigung ist beim Sektenangehörigen besonders ausgeprägt. Er wagt das Leben nicht. Er bleibt am Ufer und begnügt sich mit seinem theoretischen Verständnis über Wasser. Das Risiko des Schwimmens geht er nicht ein.

Sekten liefern Antworten, unter deren Gewicht sie zuweilen allerdings selbst zermalmt werden. Das ist bei apokalyptischen und eschatologischen Sekten zu beobachten. Sie sind durch das Ausbleiben ihrer Prophezeiungen gezwungen, immer mehr zum Lifestyle zu werden. Erfüllt sich der prognostizierte und proklamierte Plan nicht, führt sich die Sekte selbst ad absurdum. Sie wirkt im Leerlauf und wird zum Selbstzweck. War sie in ihrem traditionellen Verständnis Werkzeug Gottes, wird Gott nun Werkzeug der Sekte. Er führt als Galionsfigur das Narrenschiff durch den Nebel ins verheißene Land.

Wenn aber aus befristet unbefristet wird- was tun?

Damit berühren wir die nächste Existenzrechtfertigung von Sekten. Sie bilden Identität. Die Sekte vermittelt Werte, die scheinbar über dem Durchschnittsniveau liegen. Dadurch wertet sie ihre Mitglieder in deren Selbstwahrnehmung auf. Leid auf der Welt könnte enden, wenn doch nur der hohe moralische Maßstab der Sekte und im Gleichschritt ihre Heilslehre angenommen würde.

Allerdings wäre das gleichzeitig das Ende der Identitätsbildenden Funktion der Sekte. Denn: die Sekte steht zwangsläufig in Opposition zum Rest der Welt. Die Welt ist der nötige Kontrast, der die Exklusivität der Sekte und ihrer Mitglieder gewährleistet.

Die Sekte hat ein Ziel, und auch damit steht sie der Wirklichkeit entgegen. Wir können nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass Leben und Entwicklung ein definiertes Ziel verfolgen. Unsere lineare Wahrnehmung der Zeit scheint das zwar zu implizieren, aber tatsächlich treffen wir nur auf eine Hypothese, die ein Produkt unserer Wahrnehmung ist. Daher kann die Sekte nur in einem Klima des Mangels existieren: die Gegenwart muss als mangelhaft und damit als provisorischer Zwischenzustand angesehen werden. Das eigentliche Leben ist in der Zukunft verortet.

Sekten bedienen auf infantilem Niveau die Tendenz des Menschen, Wirklichkeiten zu leugnen, die seinem Weltbild zu wieder laufen. Der Theologe und Philosoph Willigis Jäger sagt treffend „ Fundamentalismus ist der Sieg der Angst über den Fortschritt“. Kulturhistorisch gesehen gab es eine deutliche Korrelation des Breitenwuchses von Sekten  und Neureligionen mit der Industrialisierung und später der Digitalisierung. Beides waren spürbare Symptome der veränderlichen Natur unseres Daseins. Fundamentalismus ist die bekannte psychopolitische Reaktion darauf. Modernisierung liefert auch immer eine neue Personifizierungsmöglichkeit für das Böse. Auch das Neue hat etwas Bedrohliches und sitzt von daher schon von Natur aus mit dem Bösen in einem Boot.  Das Neue bedroht das Bewährte, die hart erkämpften Werte, das gesicherte Wissen. Der Fortschritt schafft ab, was meine sichere Gegenwart bildet.

Und so könnte man sagen, dass sich Fortschritt und religiöser Wahn gegenseitig bedingen. Fortschritt und Aufklärung können nie lange alleine bestehen. Beides isoliert voneinander vernachlässigt eben jeweils eine fundamentale Ebene: die der Geistigkeit oder die der Entwicklung.

Manche Sekten bauen ihr Image daher zu einem Zwitterwesen um: es entsteht eine scheinbar progressive und fortschrittliche Struktur, die aber an traditionellen Werten festhält und natürlich Gottes Sprachrohr bleibt.

Damit passen sie sich den identitätsbildenden Forderungen heutiger Lebenswirklichkeiten an. Sie müssen die „Summe der Unwahrscheinlichkeiten“, die sie definieren (Sloterdijk) unempfindlich für Kritik machen, aber nur in dem Maße, dass sie nicht zu sehr in die Nähe des Religionsliberalismus rutschen, denn dort fühlen sich Sektendisponierte unwohl. Sie wollen sich in oben zitierten Narzissmus der Exklusivität ihrer Wahrheit sicher bleiben, was eine allzu progressive Entwicklung verbietet.

Wagen wir uns aber noch etwas weiter vor und verlassen die profan-psychologische Ebene.

War der Mensch noch in Pantheistischen und auch noch in frühchristlichen Epochen durch Gott beseelt, also ein kurzzeitig abgespaltener Teil Gottes selbst, ist er heute ganz im Exil. Spätestens seit der 2. Kränkung des Menschen, der Darwinschen (nach der 1. Kränkung, der Kopernikanischen) ist er zum Aussen- Wesen geworden, also zum Wesen, dass nicht zwangsläufig durchströmt ist vom göttlichen Odem, dessen INNEN seine wahre und ewige Natur darstellten. Nicht der Mensch ist der Spielball des Schicksals der Welten, nein, das Schicksal der Welten ist selbst zu lenken. Die Aufklärung und die französische Revolution waren mit ihren Leitmotiven das Substrat, auf dem Sekten gedeihen konnten. „Habe den Mut, dich deines eigenen GOTTES zu bedienen!“ Der feudal- absolutistische Stand der Kirche musste abgeschafft werden – um ihn durch einen Neuen zu ersetzen. Freilich einer, der nun zum Wohle der Gläubigen dient. Wer nun hier einen durchgängigen Zug menschlicher Natur zu erkennen glaubt, sei beglückwünscht.

In diesem nun abgetrennten Teil neureligöser Lebendigkeit wurde „Gott“ zum völlig transparenten und verstehbaren Aristokraten, als dessen Werkzeug man sich nun fühlen durfte. In einer übermächtigen maschinenhaften Welt war man nun Repräsentant einer ewigen Wirklichkeit. Der Mensch ist in der Sekte ganz zum AUSSEN geworden, er ist verantwortlich für sich und seine Wohlfahrt durch Handeln und Tun. In einer Welt der Fakten und Sachzwänge ist er Delegierter, nicht mehr integraler Teil der göttlichen Sphäre.  Jetzt ist er ganz zum SELBST geworden, obwohl er doch in seiner Natureine Emanation oder Erscheinung der Ewigkeit ist.

An diesem Punkt rühren wir wohl an einem zentralen Problem: die Angst des Menschen vor seiner eigenen Vergänglichkeit, sprich: vorm Tod. Die Sekte verfügt über ein breites Spektrum an Geboten und Verhaltensregeln, die als Versuch verstanden werden können, dem Dunklen, dem Unsagbaren und dem Tod etwas entgegensetzen zu können; das Unkontrollierbare, welches der Tod symbolisiert, soll den Mitteln der Kontrolle unterworfen werden. Es ist der Versuch, sich dem Unentrinnbaren dadurch zu entwinden, dass man ihm ein Gesicht gibt, eine Logik, einen Sinn und es damit erfüllbar macht.

In diesem AUSSEN- sein, ganz Protagonist mit selbst erschaffendem Schicksal, ist kein Platz mehr für nicht-festgelegtes, kein Platz für Vages, kein Platz für die Hoheit über die eigene Geistigkeit und für Privatmystik. Kants Fragen „Was kann ich wissen? Was kann ich tun? Was darf ich hoffen? und Was ist der Mensch?“ sind unter einem Dachverband beantwortet. Sie brauchen nicht mehr gestellt zu werden um sich selbst zu erkennen.

Vielleicht ist damit der Grund erreicht. Wenn die Angst vor der eigenen Auslöschung nicht auf autosuggestiver, sondern auf zentraler und authentischer Ebene meines Seins gelöst wird, würde die Sekte automatisch überflüssig. Wenn ich mich ganz der Unwägbarkeit und der Vergänglichkeit überlassen kann, bedarf ich keines Heils mehr, denn es ist klar: das einzig wahre Heil trage ich bereits in mir. Ich werde darin vergehen und ich stemme mich vernünftigerweise nicht dagegen. So wie dieser Tag vergeht, so vergehe ich. Aber genauso, wie dieser Tag seinen unausweichlichen Teil in der Ewigkeit beigetragen hat und in dieser Weise unauslöschbar ist, so bin ich das auch.

Der Great Reset, wer wir sind und das Ende des Gejammers

Der GREAT RESET, wer wir sind und das Ende des Gejammers

Es scheint, als würden wir in einer Welt voller Opfer leben: die einen beschimpfen die anderen, Arm leidet unter Reich und bedroht sind wir sowieso andauernd.

Wir können lange die Krise durchanalysieren. Wir können lange Schuldige finden, Antworten basteln, zum Widerstand und zum zivilen Ungehorsam aufrufen, Informieren und aufklären. Doch wird sich dadurch vermutlich wenig ändern.

Wieso? Sind wir hilflos? Und worauf können wir hoffen? Ich glaube in der Tat, dass wir guten Grund für eine überaus positive Zukunftshoffnung haben können. Allerdings glaube ich nicht an einen plötzlichen Aufstieg, ein Kollektiverwachen oder sonst eine planbare Wendung der herrschenden Systeme zum Guten hin. Vielleicht ist die Gegenwart mit einer Geburt zu vergleichen: ein schmerzhafter und langer Vorgang- mit einem überaus glücklichen Ausgang.

Zuerst einmal: die Suppe muss vollständig ausgelöffelt werden, die sich der Mensch eingebrockt hat. Und das hat er; es sind keineswegs sog. Sachzwänge, die die Situation „alternativlos“ gemacht haben. Ich möchte erklären, warum ich davon so überzeugt bin.

Warum begegnet uns heute eine Welt, die lieber das Absurde glaubt? Warum hat der Wahnsinn scheinbar mehr Erfolg als die Freiheit? Geht es im Kern um mehr, als um die neuerliche Erscheinung des immer gleichen Phänomens, nämlich des Größenwahns des Menschen? Wie weit ist es her mit der Mündigkeit des Bürgers?

„Great Resets“ gab’s schon immer, immer waren sie systemlogische Antworten gesellschaftliche Umwälzungen: die Weltkriege dienen hier als Negativbeispiele. Und solche Resets waren immer nur möglich, weil eine Masse unkritisch war. Soweit, so gut; nur warum ist sie es? Ein bisschen analysieren müssen wir also doch.
Ich fange an, so knapp wie möglich, ohne dabei auf die nötige Tiefe zu verzichten und ich hoffe, du folgst mir!

Ich wundere mich: Noch immer also wehrt sich die Mehrheit, das Destruktive zu erkennen, was unsere gewohnte Normalität- ob die alte oder die neue- mit sich bringt, und ich hoffe, dass du, lieber Leser, es erkannt hast. Aber warum erkennt sie es nicht?
Der Trotz ist die Antwort unserer Ich- Konzepte auf unsere Kindheit. Der Trotz hat zweierlei Optionen: die Positive ist das Tabu des Verrats elterlicher Werte, also das unbewusste Festhalten an ihnen, die Negative ist die Opposition dagegen. Insbesondere der Vater ist hier die prägende Kraft, die uns fest in ihrem Griff hat.
Wenn wir also über die Dinge reden, die gerade die Gemüter und die Weltgeschichte bewegen, müssen wir tiefer. Möglicherweise haben wir eine kollektiv- tiefenpsychologische Dynamik, die sich kaum erfassen lässt. Ich möchte trotzdem versuchen, hier einige Ansatzpunkte liefern.

Die tiefenpsychologischen Aspekte

Da ist zum Beispiel die urtümliche Angst, die der Mensch scheinbar „braucht“: schon immer war jeder Tag in gewissem Maße unsicher: wilde Tiere, fremde Stämme, Unfälle – der Tod war präsent. Mit dem Zusammenwachsen als Nationen schwanden gewisse Bedrohungen und die Gegenmaßnahme waren immer gewaltigere Kriege. „Memento Mori“ – gedenke deiner Sterblichkeit!- war die Begleitbotschaft. Gegenwärtig sind uns die Bedrohungen ein wenig ausgegangen – bis auf die ökologische Katastrophe, die aber ungreifbar ist und der es deshalb an alltäglicher Haptik zu fehlen scheint. Wir wollen betroffen sein, wir wollen uns auch wehren können. Der „Feind“ muss (an-)greifbar sein. Das kann für die einen das Virus sein, für andere die Querdenker und wieder andere die Geradeausdenker usw.

Und da finden wir die nächste Psychodynamik: die Projektion. Immer wieder wird dem Bösen, welches wir in uns selbst tragen, kein Raum zugestanden. Es ist in uns selbst nie anwesend, sondern in den Taliban, dem Kapitalismus, der Gier der Superreichen und so fort. Dabei wird übersehen, dass diese Phänomene nicht aus sich selbst heraus existieren, sondern mit unserer Zulassung, unserer Delegation (als Träger des Bösen, also als „Schuldige“) und unserer indirekten Billigung. Würden wir anerkennen, dass all das Teil eines großen Ganzen ist, würde jeder Unfrieden vermutlich schnell aufhören. Alles geschieht aus dem Feld heraus, welches wir in unserem Kollektivbewusstsein möglich machen. Niemand bringt etwas über uns; die Agenda der Machthabenden und der Initiatoren ist ein Spiegel, der uns unsere wirkliche Mündigkeit vorhält.

Die nächste Tiefendynamik ist die der Angstbewältigung: sind wir wirklich „Auswurf“ eines rein mechanischen kosmischen Zufallgeschehens, so können wir auf nichts hoffen. Wir werden unweigerlich verschlungen werden vom großen Unerhörten, dem kosmischen Tanz des Zufalls, wessen wir kurz Zeuge werden durften. Mit der Abschaffung Gottes und seiner Begleitbequemlichkeiten im gegenwärtigen Zeitgeist haben wir uns selbst den Boden entzogen. In unserer Vernunftwerdung hat Angst keinen Platz – und muss durch die Hintertüre kommen und uns wieder unserer Sterblichkeit erinnern. Das kann sie nicht mehr auf die archaische Weise unserer Vorväter – die technisierte und globalisierte Welt braucht einen adäquaten „Player“: ein Virus kann dies vollkommen tun, denn unser Umgang damit ist ein rein „vernünftiger“. Kontrolle ist das Werkzeug des Verstandes im Umgang mit Angst: Voilà!

Ein weiterer Grund ist unsere unbewusste Abhängigkeit von der Vaterfigur. Wir haben uns weder individuell noch kollektiv ausreichend von unseren Vätern emanzipiert. Still versuchen wir immer noch ihre Anerkennung zu erlangen oder definieren uns im Rebellentum gegen deren Ideale. Nicht umsonst stehen den monotheistischen Religionen UND Regierungen „Männer“ vor, denen man zu gefallen hat und die belohnen und ggf. strafen (Obwohl es ja die Frau ist, welche Leben gibt und gebiert und sich daher eher für die Gottesrolle eignen würde). Bei genauer Introspektion finden wir das in uns selbst. Gerade der Deutsche hat dazu einen starken Hang: „Vater Staat“ ist Versorger (den es nicht zu verraten gilt), Beschützer und Regelgeber (erschwerend kommt hinzu, dass in diesem Falle „Vater Staat“ durch eine Mutterfigur ergänzt wird). Diese Dynamik verhindert einen allzu kritischen Umgang mit staatlichen Maßnahmen generell. Der Vater ist „gut“, er hat es zu sein. Und wir bleiben Kinder, die hoffen, dass Papa es schon richtet. Kinder, die nicht selbst entscheiden können, was für sie gut ist. Kinder, die brav gehorchen.

Ein zentraler Punkt ist natürlich die Schuld. Unsere eigene Existenz hier muss gerechtfertigt werden; ein einfaches Sein als „Planetennutzer“ ist nicht erlaubt. Die „Erbsünde“ peitschte uns durch den Ablasshandel, durch den Kapitalismus (und Kommunismus) und sie ermöglicht den Kadavergehorsam heute. Noch immer gibt es also kein Bild vom Menschen, welches ihn wirklich in seine Würde hebt. Unbewusst halten wir an der Idee der Erbsünde fest – und wir wollen endlich befreit werden von dieser Last. Wir versuchen es mit Fleiß und Gehorsam ohne zu erkennen, dass wir damit niemals die Tretmühle verlassen. Beim Versuch, Schuld loszuwerden, verlagern wir sie: „die Anderen“ sollen sie haben; China, die Superreichen, die Eliten, die Flüchtlinge, die Großindustrie, die Faschisten usw. Und wir begegnen uns nicht mehr mit Wertschätzung, sondern in einem ewigen Gegeneinander. Wir Menschen behandeln uns schlecht, seit Jahrtausenden. Der Mensch ist des Menschen Wolf; alles Leid geht vom Menschen aus.

Als letzten Punkt will ich eine gewisse Unnatürlichkeit des globalisierten Umgangs miteinander nennen. Ich glaube, die Idee einer „geeinten“ Menschheit in wirtschaftlicher und politischer Lesart ist an sich ein Irrtum. Wir können innerhalb weniger Stunden den ganzen Erdball bereisen. Die Kolateralschäden sind weniger ökologischer Art: kulturelle Identität und Diversität verlieren ihre Ferne und Unverstehbarkeit, ihre Exotik und damit auch ihre Immunität – gemeint ist sowohl die soziale und biologische Immunität. All unsere Stärke liegt nicht mehr hier, Zuhause, sondern ist zerstrahlt in eine (scheinbare) tolerante und offene Welt. Schlussendlich ist auch diese physische Nähe aller Länder zueinander erheblich mitverantwortlich für Ausbreitung von Krankheiten.

Und jetzt fühlen wir uns hilflos, mehr noch, wir müssen Hilflosigkeit erleben. Wir haben keine Kontrolle. Und sie ist auch nicht herzustellen. Noch nie in den Millionen von Jahren biologischer Evolution hat es einen Eingriff von Menschen gegeben, dem er sein Überleben verdankt. Allerdings hat die Evolution es meisterhaft geschafft, mit Meteroideneinschlägen, Polsprüngen, Massensterben, Bakterien, Raumstrahlung und Viren fertig zu werden. Sie konnte immer ein Gleichgewicht herstellen. Hingegen hat jeder Eingriff des Menschen in biologische Vorgänge Ungleichgewichte nicht beseitigt, sondern immer verschlimmert: Gentechnik, Glyphosat, DDT, Bewässerungssysteme, Staudämme, usw, usw… jede „Verkünstlichung“ der natürlichen Entwicklung hat mehr Probleme verursacht, als sie zunächst zu lösen vermochte. Immer wurde das Alte „optimiert“ und der Fehler blieb. Die Prämissen stimmten einfach nicht. Und die Kontrolle ist das Bestreben, das Alte zu bewahren, weil sie das Neue fürchtet.

Wer sind wir..?

Uns fehlt derzeit die Demut zu sehen, wer wir als Menschheit sind. Wir werden zurück an unseren Platz müssen, den wir in dieser Welt haben. Und der besteht offenbar nicht darin, diese Welt zu beherrschen. Würden wir das einsehen, könnten wir auch groß werden! Denn: ich glaube, der Mensch verkörpert das „Interface“ zwischen der „göttlichen“ und der rein physischen Sphäre. Das im Menschen verkörperte Bewusstsein ist das Auge, mit dem sich die Welt selbst wahrnehmen kann. Im Menschen inkarniert „Gott“. Dieses höchste Bild, der „kosmische Anthropos“ (Jochen Kirchhoff) bindet den Menschen wieder an seine Heimatwelt an. Wir wurden hier nicht abgesetzt (oder ausgesetzt, wie es Douglas Adams im Bd. 4 des „Anhalters“ andeutet). Wir sind nicht lediglich Bewohner oder Passagiere; wir sind die Kulmination der Evolution. Möglicherweise „will“ die Evolution weiter, nun durch die bewusst – kreative Schöpfertätigkeit des Menschen.
Daher: es kann und darf kein Zurück mehr geben. Wenn ich zurückgehe, kann ich mich nicht NEU verhalten. Ich „weiß“ ja dann, wie „es geht“ und schließe echte Kreativität aus. Das Nichtwissen ist zwangsläufig der einzige Zustand, der wirklich kreativ ist. Und unbewusst manövriert sich die Menschheit genau dort hin.

Harmonie mit dem Kosmos
Ich bin daher davon überzeugt, dass „Maßnahmen“ (und überhaupt alle Handlungen des Menschen) nur dauerhaft in Übereinstimmung mit den kosmischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren werden, welche uns hierhergebracht haben – ansonsten wird uns die Evolution entlassen und einen neuen „Versuch“ beginnen. Dieser Planet war einst eine glühende Gesteinskugel, auf welcher bewusstes Leben in unglaublicher Vielfalt entstanden ist. Dieser Vorgang folgte einer gewissen Inhärenz, einer Eigenlogig, einer Intelligenz jenseits unserer Definition, die Abweichungen nur in gewissem Ausmaß tolerierte. Für uns ist der biologische Aspekt dieser Entwicklung teilweise bekannt, andere Aspekte liegen völlig im Dunkeln. Doch halten wir i.d.R. nur die von uns messbaren und erkennbaren Aspekte für maßgeblich wirklichkeits-verursachend. Doch werden wir auch als dominante Spezies uns nicht darüber hinwegsetzen können, was jenseits des allgemein zulässigen Erkenntnishorizontes liegt.
Wir verhalten uns wie kleine Kinder im Waffenladen. Wir werden Hilflosigkeit erleben, die uns an einen Punkt der Erkenntnis führen soll, den wir noch nicht erreicht haben. Das wäre dann Bestandteil globaler Entwicklung – natürlich weit entfernt von unserer Definition.
Verstehen folgt dem Erkennen. Erst in dieser Reihenfolge geschieht Veränderung. Wir haben es auf den Kopf gestellt.

Es herrscht ein religionsfreier Glaube

Wir sind am Ende: der Kapitalismus als Fundament unserer Gesellschaft ist nicht länger aufrecht zu erhalten; wir haben Flüchtlinge, Ressourcenverknappung und Umweltzerstörung in nicht mehr zu haltendem Ausmaß, wir haben Luxus, der uns langweilt und Armut auf der anderen Seite, die uns auffrisst. Es muss etwas geschehen.
Wir haben Menschen als unsere Führer gewählt, die das, was man als „Vernunft“ bezeichnet, zur einzigen wertegebenden Realität erhoben haben – nun haben wir eine Welt, die so unvernünftig ist wie nie zuvor.
Diese Einseitigkeit lässt alles Menschliche verkrüppeln: Intuition, Spontanität, Träume, alles hat sich einer vereinheitlichten „Vernunft“ unterzuordnen, nur die Logik darf „Recht“ haben.
Warum? Weil wir glauben wollen. Wir entscheiden uns für das Irrationale, weil uns die „Heile Welt“, die wir verstehen und überschauen können, wichtiger und sicherer ist als das Ungewisse und Bedrohliche. Wir brauchen ein Objekt, das wir verantwortlich machen können für die Misere. Wir brauchen etwas, was „Schuld“ ist. Und der Glaube steht höher als reflektierte Einsicht – auch das sollten wir wissen. Der gegenwärtige Glaube macht sich scheinbar unsichtbar: er glaubt nämlich, den Glauben überwunden zu haben. Doch wie ist es wirklich? Wann gibt ein Mensch seine Überzeugungen zugunsten neuer Erkenntnisse auf? Offenbar nicht, wenn diese tatsächlich offensichtlich sind oder überwiegen, sondern wenn er sich dazu entscheidet. Bis dahin gilt in ihm der alte Glaube. Und dieser Glaube ist seine Welterklärung, sein „Richtig“. Es gäbe sonst keine einzige Sekte auf dieser Welt!
Alles ist Glaube; die innere Überzeugung, wie die Wirklichkeit außerhalb von mir beschaffen ist, welches ihre Regeln sind, was daher zu erwarten und zu tun ist. Noch nie folgte dieser Glaube einer neutralen „objektiven“ Wirklichkeit. Und auch das wissen wir. Menschliche Wirklichkeit ist Glauben – auch wenn er im Mantel der Wissenschaft oder Politik daherkommt. Das Wissen von gestern ist überholt – warum sollte das „Wissen“ von heute nun endlich der „Wahrheit“ entsprechen? Wir gehen uns andauernd selbst auf den Leim. Und immer deuten wir auf die Welt „da draußen“.

Alles ist Eins

Doch finden wir uns immer selbst vor. Wie bei einem Prisma zeigt das Große Ganze die Gestalt des Kleinen: alles ist fraktal und das, was gerade geschieht, ist das Abbild einer inneren Wahrheit seiner Teile. Dort ist Täuschung und Angst statt Verantwortung und Verbundenheit.
Wenn Liebe, Freude und Vertrauen in den meisten Menschen herrscht, werden wir eine Welt voller Liebe, Freude und Vertrauen vorfinden.
Was ist Natur? Das ist – gemessen am Verhalten der gegenwärtigen Gesellschaft- etwas „da draußen“, etwas, was man (gemäß dem Gebot Gottes an Adams Adresse) „unterwerfen“ muss. Wir selbst scheinen auf dieser Welt eher als Passagiere. Der Mensch hat sich nach dem „Sündenfall“ gelöst vom Gesamtorganismus ERDE, er hat sein Bewusstsein von dem des Tieres erhoben. Nun hat er vergessen, wo er herkommt – und welche Verantwortung er trägt. Sein Größenwahn drängt ihn weiter, ins All, in den Cyborg, er will nun auch die Ewigkeit beherrschen. Damit haben wir die Welt zu einem bedrohlichen Ort gemacht. Sie ist keine Heimat mehr, sondern eine Gefahr. Das Bedrohliche hat etwas martialisches, etwas unausweichliches: da ist die scheinbare Abhängigkeit von einem Finanzsystem, was sich unserer Regulierung längst entzogen hat, Maschinen, die lärmend und stinkend jede Stille zerstören und sich durch Mutter Erde fressen, jetzt fühlen wir uns bedroht von einem Virus- oder seiner Kur, je nach Überzeugung – die Zerstörung ist überall und systeminhärent.
Ein symbiotisches Aufeinander- Bezogen- Sein mit unserer Mitwelt gelingt uns nur in Ausnahmefällen. Aber wie sonst soll Harmonie auf einem Planeten möglich sein, wenn nicht genau das selbstverständlich ist?

Die Krankheit Ignoranz

Unsere Gleichgültigkeit ist verantwortlich für die bestehende „Krise“; täglich haben wir uns dem Leid in der Welt medial ausgesetzt, der Ungerechtigkeit und Profitgier, deren Nutznießer wir in unserer Komfortzone waren, täglich haben wir sie um der eigenen Bequemlichkeit willen gefüttert – mit unserem Konsum und unserer Arbeitsleistung. Wir tolerieren Gewalt und legitimieren sie als Unterhaltung in unserem Alltag.
Wir haben die Macht, eine Welt zu gestalten, die Macht, sie auf Erbarmen und Mitgefühl zu stellen – aber auch die Macht, sie den Mächtigsten zu überlassen. Wir haben immer die Macht, uns in Sensationslust zu baden, uns machtlos zu fühlen, uns dem zu unterwerfen, was wir als Sachzwang verstehen.
Allerdings können wir genauso gut aus diesem ewigen Spiel unseres Egos, des kleinen, sterblichen und auf sich bezogenen Teils unserer Identität, aufwachen, ehrlich werden zu uns und in unseren Beziehungen.
Nun polemisieren wir an virtuellen Stammtischen und ersehnen die Katastrophe oder ein Wunder herbei. Aber die „neue Realität“ wird uns mit uns selbst konfrontieren, jeden Einzelnen. Jeder wird gezwungen sein, Anteil zu nehmen: an den Folgen seiner eigenen Ethik. Das Kollektiv wird auf den Einzelnen zurückgeworfen werden.

Die (Er-) Lösung

Schmerz ist unser Lehrer seit Jahrhunderten. Wir erschaffen immer wieder aufs Neue globale Krisen, die zerstören, was wir lieben. Dann fühlen wir, dann werden wir bewusst und können das Leben wieder würdigen – bis uns diese Fähigkeit wieder abhandenkommt, bis sie verdrängt wird.

Der religiöse Begriff der Erlösung spielt eine große Rolle dabei: die Erlösung beinhaltet unsere Ahnung, unvollständig zu sein als Mensch, so wie wir jetzt sind. Wenn wir verstehen, dass alles unsere eigene Schöpfung ist, deren Ergebnisse jeweils auf uns zurückfallen, können wir uns selbst „erlösen“: wir können uns immer nachhaltig verhalten, wir kreieren eine Ethik von innen heraus, die alle Gesetze überflüssig macht, denn wir erkennen, wer wir sind: Teil einer Welt, die ausschließlich durch Kooperation existiert, die aufeinander bezogen ist und sich daher selbst nie schadet. Das wäre umfassende Liebe. Es wäre eine Haltung, die Besitz und Status überflüssig macht, weil die eigene Existenz nicht gerechtfertigt werden muss. Wir würden uns gegenseitig mit Achtung und Respekt begegnen, und unserer Heimat und ihrer Organe ebenso. Das Förderliche für das Große Ganze wäre handlungsleitend, nicht zuerst unser persönlicher Vorteil.
Wir würden die bestehenden Harmonien nicht stören wollen, sondern uns einfügen. Von hier aus könnten wir eine Welt des Überflusses kreieren, die keine Verlierer kennt. Ein Great Reset ist überlebenswichtig.

Allerdings: kein geplanter. Lebendigkeit ist bei genauem Hinsehen das Gegenteil von Planung. Wir sind nicht geplant hier. Wir sind als bewusste und liebende Wesen mit einem brillanten Verstand emergentes Ergebnis der Selbstwerdung des Kosmos (gr. „Alles“), also Gottes. Evolutionsgeschichtlich sind wir sehr junge Wesen- die jüngsten überhaupt hier. Jetzt haben wir vielleicht genug Erfahrung gesammelt, wie wir diese Brillanz im Dienste des großen Ganzen einsetzen und eine wundervolle Welt für alle („Alles“) erschaffen können.
Wir müssen das nicht erkämpfen, sondern einfach leben.

Über die Würde – und das Vertrauen in uns und das Leben

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Über die Würde - und das Vertrauen in uns und das Leben PDF

Wer kann von sich behaupten, ein gesundes Selbstbewusstsein zu haben und mit dieser Meinung nicht alleine zu sein? In welchem Zusammenhang stehen die gesellschaftlichen Probleme mit der Vorstellung von uns selbst? Wieso führt ein tiefsitzender Mangel an Vertrauen in sich selbst zu einer Welt, wie wir sie auf keinen Fall wollen? Warum kann unsere Vorstellung oder Überzeugung an den Ursprung und den Sinn der Welt uns an wirklichem Fortschritt hindern? Der folgende Artikel soll Licht auf mögliche Zusammenhänge werfen.                                                       

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