Schöne alte Welt?

Kurze Überlegungen zu einem wirklich neuen Jahr

Sylvester ohne Feuerwerk, Alltag mit Maske, Weihnachten ohne Familie, Pausenhöfe mit Abstandsmarkierungen, sicher Zuhause, dauer-bedroht draußen: die neue Normalität ist auf ihrem Weg zur neuen Alltagsrealität.

Und laut ist der Ruf nach der „alten Normalität“. Verständlich einerseits, verwunderlich andererseits. War sie denn so heile, die schöne alte Welt? Hat sie uns glücklich gemacht? Oder war sie nur ein Surrogat von Freiheit, von Autonomie, Gesundheit, Selbstbestimmung und kosmopolitischer Offenheit?

Die Wahrheit ist, dass es nicht so weitergehen konnte. Die Gesamtökobilanz unserer Lebenspraktik ist fatal. Nicht nur, dass die Ressourcen dieser Welt nicht für weitere Generationen ungebremsten Konsum erlauben oder die Folgen für die Umwelt irgendwie schon abgefedert werden könnten. Wir übersehen gerne auch, dass wir als Fettschicht unserer Spezies unsere alte Normalität auf dem Rücken von Milliarden wirtschaftlich Benachteiligten ausleben und diese sich das nicht auf Dauer gefallen lassen werden. Und vor allem haben wir vergessen, wer wir wirklich sind. Wir fühlen uns wie Nutzer des Planeten, die hier längere Ferien verbringen und wo diskretes  Personal unauffällig die Minibar auffüllt und Mülleimer leert. Wir haben zwar ins Kalkül genommen, dass der Planet unsere Existenz begründet und ermöglicht, aber dass wir als bewusste Wesen gemeint sind, fällt uns nicht auf. Oder anders gefragt:  dass Evolution ein schöpferischer Vorgang ist, der sich nicht auf das rein biologische beschränkt, der sich in allem Ausdrückt, was er erschafft?  Dass der Planet alles schon in sich trug, bevor es da war? Das Schöpfung im reflektierten Ich- Bewusstsein auf einer neuen Stufe  weitermachen möchte? Das das Gewahrsein seiner Selbst nicht dem dafür erschaffenen Organ, als welches der Mensch gedacht werden könnte, erlauben darf, sich vom Gesamtorganismus abzuspalten und sich zu verhalten als gäbe es kein Morgen?

Frohes Neues Jahr! Buisness as Usual.  Zurück in die Vergangenheit, die uns hierhergebracht hat. Mit all ihrem gewohnten und herkömmlichen Gejammer, mit ihren gewohnten Problemen und Feindbildern, mit ihrer schalen Feierabend- Bier- Zufriedenheit. Welch eine Fantasielosigkeit.

Der wirklich befreiende Schritt könnte darin bestehen, zu bemerken, dass uns hier nicht einfach etwas „geschieht“ oder angetan wird. Wir haben uns unmerklich eine Meta- Mentalität angeeignet und glauben eine Welt zu beobachten, die unabhängig von uns stattfindet. Tatsächlich sind wir selbst das Problem. Oder die Lösung. Wir sind jedenfalls nicht außen.

Wir sollten vielleicht auch bemerken, dass das Festhalten Fortschritt verhindert. Auch an scheinbar Bewährtem- obwohl sich bei genauerem Hinsehen die Bewährtheit meist nur als Gewohnheit entpuppt. Sich weiterzuentwickeln brauchte schon von jeher einen gewissen Leidensdruck.

Diesen erfahren wir jetzt vielleicht dadurch, dass uns wohldosiert, aber deutlich gezeigt wird, dass Freiheit kein Recht ist, welches wir verliehen bekommen. Freiheit ist eine Eigenschaft des Individuums. Das kann der Mensch aber erst sehen, wenn er die volle Verantwortung für sich übernimmt. Dazu braucht es einen gewissen Mut und eine Ehrlichkeit, nicht zuletzt auch um sich einzugestehen, sich nie völlig aus der Rolle des abhängigen Kindes gelöst zu haben. Die Sicherheit und Geborgenheit des Elternhauses –ob wirklich oder nicht- soll nun „Vater Staat“ (oder „Mutti“) übernehmen.

Nach diesem Schritt sieht die Welt anders aus. Wie auch soll mir jemand etwas zugestehen, absprechen, erlauben und vorschreiben, wenn ich doch mündig bin? Bin ich es, so braucht es keinerlei Bevormundung. Bin ich es nicht (oder soll ich es nicht sein), wird die Welt verstehbar so, wie sie ist. Sie ist dann völlig schlüssig. Der ganze gigantische Staats- Kontroll- Gesetzesapparat ist eine Ausgeburt unserer Unfähigkeit, moralisch verantwortungsvoll zu handeln. Er ist die Verkörperung unserer Unfähigkeit, unsere Eigenschaft der Freiheit wahrzunehmen. Er ist die Delegation unseres Sicherheitsbedürfnisses am Rockschoß unserer Mutter.

Schöne alte Welt? Die „alte Welt“- wenn man heute schon davon sprechen darf- ist eine überhöhte, nostalgische Vorstellung, angefüllt mit zur Gewohnheit geronnenen Inhalten unserer Hybris und Ignoranz. Kaum ein Detail davon wirklich zukunftsfähig. Gute Vorsätze also? Ja bitte! Aber nicht im alten Karussell, sondern mit Fantasie, Selbstermächtigung und vor allem mit einem neuen Selbstverständnis.

 

Die Krise: das Tor in eine letzte Epoche

AUfbruch in eine neue Welt PDF

„Am Ende ist alles ein Witz“ – Charlie Chaplin

Die Krise der Gegenwart ist vielleicht nicht nur eine Krise, die Infolge eines zufällig aufgetauchten und  gefährlichen Virus die Gesellschaft zerrüttet und die Ökonomie bedroht. Möglicherweise ist die Krise ein notwendiger und logischer Wendepunkt im Laufe der menschlichen Geschichte. Sollte das der Fall sein, dann wäre eine historische Reflexion hilfreich. Als weitere Zutat darf nicht fehlen, was den Menschen im Innersten antreibt; fangen wir aber zunächst mit der Historie an. Aber zuerst eine spekulative Hypothese: was, wenn der Mensch die "Aufgabe" hätte, die Evolution auf der Stufe relektierter Bewusstheit fortzuführen? Wenn er das, was die rein biologische Natur bisher geleistet hat -ein gewaltiges Flechtwerk des Aufeinander- Bezogen-seins-, um eine neue Dimension erweitern "soll"? Könnte er diesen "Auftrag", den er verkörpert, verfehlen?

Selbstverwirklichung, persönliche Erfüllung und der Anspruch an individuelles Lebensglück sind ziemlich junge Vorstellungen. Noch vor wenigen Jahrzehnten waren solche Ideen nur einer dünnen Oberschicht vorbehalten- was vom Proletariat auch kaum Infrage gestellt wurde. Jahrhunderte lang war Leben gleich Überleben. Alltag bestand in der Routine der Überlebenssicherung. Dabei fällt bei nüchterner Betrachtung auf, dass Regierungen aller Formate nicht ernsthaft die Wohlfahrt ihres Volkes im Sinne hatten, sondern in aller erster Linie die Mehrung des Reichtums und des politischen sowie wirtschaftlichen Einflusses ihrer Oberschichten. Das Individuum mit all seinen (Menschen-) Rechten spielte keine Rolle in Fragen der Definition von Lebensqualität. „Menschenmaterial“ als kollektive Kalkulationsgröße diente in Kriegen und bei der Verwirklichung wertschaffender industrieller Entwicklung niemals den Interessen der beteiligten Individuen. Alle etablierten Systeme dienten ihrer eigenen Selbstverwirklichung und ihrer eigenen Ideale. Dabei waren Macht und Abhängigkeit diejenigen Größen, die das „Spiel“ im Gang hielten.

Nachdem das römische Reich seine Vormacht, welche durch wirtschaftliche und militärische Abhängigkeit der involvierten Völker aufrecht erhalten wurde verlor, wurde die römisch-katholische Kirche oberste Autorität in Europa. Ihre Macht basierte nicht vordergründig auf militärischer Gewalt (auch wenn sie es letztlich war, die die weltlichen Organe dazu legitimierte), sondern arbeitete mit „intrinsischer“ Motivation: Schuld war nun die Verbindlichkeit, die Menschen abhängig machte. Hier finden wir bereits mühelos eine Kraft, die den Menschen im innersten antreibt: der Wunsch nach "Erlösung". Im Ahnen dessen, nicht nur „diesseitiges“ Wesen zu sein, sondern Teil einer göttlichen Sphäre, versucht der Mensch sein Verloren-sein im Diesseits wieder aufzuheben.  Das Leben erscheint mühsam; entsprechend des Fluches Gottes, als Adam des Paradieses verwiesen wurde: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist“. Im Terminus moderner Populär- Psychologie würde man von einem „Glaubenssatz“ sprechen, der zur „Self-fullfilling-Prophecy“ geworden ist. Der Mensch war von da an kein integraler Teil dieser Welt mehr. Andererseits war er auch kein reiner Teil der göttlichen Welt, sondern dort quasi „verloren gegangen“. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Verlorengegangensein zwar einerseits ein Bewusstsein seiner Selbst mit sich brachte, andererseits aber die Ächtung Gottes. Das Tier- Stadium war also überwunden, der Preis dafür die Schuld. Der Versuch, sich selbst von Schuld zu befreien, prägte von nun an die sich entwickelnde patriarchale Welt (in matriarchalen Kulturen gibt es keine Schuld in vergleichbarer Form). Die Schuld wurde mit der Zeit unbewusster Motor des kulturellen Innovationszwangs. Zunächst aber wurde sie in bekannter Weise von der Kirche instrumentalisiert. Luthers Versuch der Befreiung verschärfte das Problem nur, was schließlich die Entstehung einer denkerischen Kultur begünstigte, die sich von der ewigen Abhängigkeit höherer Macht loslösen wollte: die Aufklärung. Die Phänomene erklärbar zu machen, Transzendenz überflüssig zu machen, den Mensch und seine Wirklichkeiten zu materialisieren – das würde der Schuld den morastigen Boden entziehen, so der Tonus. Der Mensch würde sich wie Baron Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Moor ziehen und nun endlich in seine Rolle als „Krone der Schöpfung“ einziehen können. Schuld wäre als Glaubenssatz und moralischer Zwang durchschaut und entmachtet. Nun war es nicht mehr nötig, ständig Altes zu wiederholen und Stagnation für Stabilität zu halten. Gottes Reich sind wir selbst! Und der Schöpfer sowieso!

Ab jetzt durfte Erschaffen werden, was ging. 4000 Jahre zuvor hatte Gott persönlich diese Hybris beim Turmbau zu Babel vereitelt. Diesmal war der Mensch schneller- oder Gott gleichgültiger. Zurück zum verlorenen Paradies, zurück zur Allmacht – diesmal auf technischem Wege. Da Schuld vor Gott abgeschafft worden war, konnte daher auch entsprechend rücksichtslos gegenüber dessen vermeintlichen Schöpfung vorgegangen werden. Dass er seine Gottgleichheit destruktiv anging, dämmerte dem Menschen erst, nachdem seine Kriegsmaschinerie in der Realisierung der Atombombe mündete. Fast 200 Jahre zuvor hatte Nietzsche den Tod Gottes durch Menschenhand bereits beklagt; und wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen bekanntlich die Mäuse auf dem Tisch.

Inzwischen hatte der Mensch in seinem Versuch, sich von Schuld zu befreien, eine unerträgliche Menge davon aufgeladen. Die Welt war zu einem gigantischen Monopoly- Spiel geworden. Was anfangs noch kolonialistisches Machtausweiten war, wurde zunächst zu einem globalpolitischem, dann zu einem geostrategischen Spiel, bei dem es um Ressourcensicherung ging. Terretorialkämpfe erübrigten sich immer mehr. Ländergrenzen spielten eine immer unbedeutendere Rolle. Mitverantwortlich ist die Entwicklung einer Waffentechnologie, deren Verwendung den Sinn ihrer Anwendung ab absurdum führen würde. Ein durch einen Atomschlag besiegtes Land ist ein wertloses Land. Entsprechend unbedeutend wurde konventionelle Kriegführung, die mehr aus wirtschaftlichen Interessen fortgeführt wurde, als aus real- politischen. Aus diesem Grund wurde es sogar nötig, Kriege unter falschen Prämissen zu inszenieren. So ist die Generierung und die Akkumulation von Reichtum nicht mehr die hauptsächliche Motivation der Machtinnehabenden, sondern Einfluss im Geostrategie- Monpoly. Unter der Einführung des Giralgeldes konnte Reichtum in unbegrenzter Menge erschaffen werden, und durch das Zinseszins-System sammelte sich der Gewinn automatisch bei den Besitzenden.

Nationale Kultur wurde nach und nach nicht mehr als natürliches Differenzierungsmerkmal der Völker gesehen; da kulturelle Grenzen früher mit den politischen Grenzen meist deckungsgleich waren, lösten sich nach progressiver Öffnung letzterer erstere mit auf. Die Kultur des Finanzkapitalismus mit seinen Regeln durchdrang immer mehr die Bevölkerungen.

Nun ist der Mensch als Kulturwesen noch zu sehr individuell. Der individuelle Mensch aber ist nicht völlig instrumentalisierbar. Er ist nur bedingt führbar. Diese Freiheit beinhaltet eine gewisse intellektuelle Autonomie, die ihn schwerer in eine Welt integriert, die nicht einer „natürlichen“ sondern einer geplanten Dynamik folgt- oder folgen soll. So wurde dem kulturellen Verfall und der Auflösung seiner Membranen subliminal Vorschub geleistet.

Grundlage einer solchen Welt war die Versachlichung des Menschen selbst. In einer Scheinfreiheit, in der er anscheinend unbegrenzt konsumieren konnte, war er selbst für die Erhaltung seiner Tretmühle zuständig. Die Inhaber der „Produktionsmittel“ waren ja bisher gezwungen, ständig neue Anreize zu schaffen, die dafür sorgten, dass der „Prosument“ sich dieser Mühle nicht gewahr wurde. Die Belohnung am Ende seiner Mühe musste immer lohnender erscheinen als der Einsatz dafür. Die Halbwertzeit erworbener Güter sowie die Erreichbarkeit kaufbarer Abenteuer mussten medial immer kürzer getaktet werden. Dabei verlor der Mensch unmerklich sein Unmittelbar-sein, sein individuelles Sein in der Welt und im Bezug dazu. Nicht seine authentische Wirklichkeit waren zulässiger Maßstab für sinnvolles Leben im Bezogen- sein auf sich selbst und seine intime Sphäre, sondern eine Flachland- Welt, instant vorstellbar und abrufbar in Social- Media. Der Voyeurismus und sein Gegenstück, der Exhibitionismus, die daraus als gesellschaftlich inhärente Normalität  erwuchsen, befeuerten diesen Prozess von innen.

Die Freiheit- die Befreiung von der Schuld von der Abhängigkeit, vom göttlichen Fluch und damit von der eigenen Sterblichkeit- war noch immer der Wert, der die Triebkraft dahinter bildete. Dazu bedurfte es immer größerer Monumente menschlicher Lebenswirklichkeit, die den Menschen vergöttlichten oder besser- zum Anti- Gott machten: Atomkraft, Ressourcenabbau, Zerstörung gewachsener Ökosysteme zugunsten eines konsumierbaren Jetzt- Lebensstandards, der natürlich nur für verhältnismäßig wenige Begünstigte wirklich verfügbar war.

Und wieder stellt man fest, dass auch hier nicht die Erlösung zu finden ist. Rein rechnerisch ist das aktuelle Erlösungs-Modell auch nicht zukunftsfähig, das ist den Monopol(y)isten auch klar. Es ist nicht zu behaupten, dass diese „Globalplayer“ nur Schlechtes im Sinn hätten. Nein, denn immerhin ist der Mensch in seiner Schöpferkraft a priori „göttlich“ legitimiert. Der Mensch ist ein auf Wachstum angelegtes Wesen: im Verständnis der patriarchalen Gesellschaft besteht dieses Wachstum allerdings allem Anschein nach ausschließlich im „Untertan machen“ der Erde, wie es der männliche Schöpfergott schon Adam befohlen hatte. Ein integrales Wachstum mit der Erde (gedacht als Gesamt-Ökosphäre) kam in seiner Ideenwelt kaum vor; zumindest fand es noch nie statt. Es geht also um Entwicklung. Dazu braucht es Erfahrung. Diese muss eben von Zeit zu Zeit initiiert werden.

Nun stehen wir an einem Punkt der Geschichte, an dem eine Vielzahl von Erkenntnissen offensichtlich geworden sind. Da wären beispielsweise:

  • Wir sind eine Spezies, die einen Planeten bewohnt, dessen Ökosphäre äußerst zerbrechlich ist und dessen Strapazieren durch menschliches Verhalten zu seinem Kollaps führen kann.
  • Die Aufteilung des Planeten in Länder und die gewaltsame Neuverteilung dieser Topographien dienen langfristig keinem zeitgemäßen Ziel mehr.
  • Die globalisierte Wirtschaft erzeugt naturgemäß Verlierer, die diesen Status nicht dauerhaft in Kauf nehmen werden.
  • Die weiter wachsende Bevölkerung dieses Planeten korreliert nicht mit seiner aktuellen Wirtschaftsform. In Folge dessen kommt es zu dramatischer Verknappung von Lebensmitteln.
  • Das Generieren von Wohlstand ist im momentanen Modus nur für eine kleine Elite möglich, und das zudem auf Kosten der Mehrheit der Planetenbewohner.

Wie soll man mit einer solchen Lage umgehen, die offenbar dauerhaft unhaltbar ist? Wie lange könnte man die „Mühle“ noch am Laufen halten, indem man den Eindruck vermittelt, eine progressive und innovative technologische Erneuerung würde uns sanft um den Abgrund herumführen, über dem wir bereits hängen?

Verschärfend zur Lage kommt hinzu, dass eine unkalkulierbare Parallelwelt entstanden ist, in welcher die Menschheit tatsächlich in gewisser Weise vereint ist: die digitale Welt des Internet. Das Internet folgt derzeit primär den Systemlogiken der Wirtschaft und wird damit weiter zur Monopolisierung der Wirtschaftsmächtigen beitragen und konventionelle Wirtschaftsformen wie den Einzelhandel verdrängen. Reziprok dazu besitzen die Inhaber der Internetwelten den größten Einfluss, denn Menschenwirklichkeit wird zunehmend dort gestaltet und gelebt. Auch Terror oder Krieg gehen nun von hier aus: mit vergleichsweise bescheidenem Einsatz an Material lassen sich heute neurale Punkte unserer Welt außer Kraft setzen: in einem Versuch hackten sich Studenten in die Systemsteuerung eines Kernkraftwerks.

Die Interdependenz heutiger Technologien macht sie anfällig. Der nächste „Evolutionsschritt“ scheint unumgänglich und es dürfte klar sein, dass wir nicht elegant hinein gleiten werden.

Was also sollen die „Monopolysten“ tun? Die gegenwärtige Systemarchitektur ist nicht zukunftsfähig. Um 1800 herum beschrieb der englische Ökonom Thomas Malthus ein Szenario, in welchem die Bevölkerung exponentiell wächst, während die Nahrungsmittelproduktion dies nur linear kann. Zwar hat Gentechnik und die Maschinisierung der Landwirtschaft die Ertäge erhöht, doch letzten Endes finden wir uns in der von Malthus beschriebenen Problematik wieder. Aus den damal lebenden 700 Millonen sind knapp 8 Millarden Menschen geworden, mit stets steigender Tendenz. Was tun?

Aus Einsicht alleine reduziert keiner seinen Standard, zumal jede Standardreduzierung das System selbt schwächt. Eine Umgestaltung hin zu „Nachhaltiger Wirtschaft“ ist bei genauem Hinsehen ein Paradox in sich selbst und nicht gewünscht, außerdem ist Wachstum Lebensbedingung des Systems. Außerdem ist die Büchse der Pandora geöffnet: Milliarden Inder, Chinesen und Schwarzafrikaner erstreben derzeit den Lebensstil des Systems- zu einer Verwirklichung dessen brauchen wir einen Planeten in Reserve. Kurz: das System steht sich selbst im Weg. Seine Prämissen sind auf Dauer sein eigener Untergang. Es ist alternativlos.

Was käme gelegen?

So ein Virus ist eine Erscheinung mit Breitenwirkung. Nicht nur, dass es auf gewissermaßen „natürliche“ Art die Anzahl der Erd-Nutzer reduziert. Es ermöglicht die Ergreifung von Maßnahmen auf globaler Ebene. Die synchrone Strategie zur "Bekämpfung" des Virus dient einem scheinbar hohen moralischen Zweck, der glaubwürdig und vertretbar ist: dem „Schutz“ des Menschen. Der einzelne Mensch, der Bürger, unfrei seit Jahrhunderten, folgsam aus Schuldgewohnheit, ist lange nicht mehr der Inhaber der Hoheit über Fragen seiner eingenen Gesundheit. Er ist nicht befugt, Entscheidungen solch immenser Tragweite zu treffen. Im Gutglauben an die Integrität der Führenden vertraut er in deren Kompetenz- auch wenn er es besser wissen müsste. Denn diese dunklen Epochen sind ja vergangen: wir haben uns durch Einsicht den Zeiten entwunden, in denen er nur Mittel zum Zwecke war.

Vielleicht fehlt ihm auch nur der Mut, selbst Schlüsse nebst Konsequenzen zu ziehen. Oder es fehlt ihm die Fantasie, eine Welt zu imaginieren, die ihm wirklich gefällt. Oder das Vertrauen, dass jeder in seiner Existenz hier auf dieser Welt auch von ihr getragen wird.

Wie auch immer. Wenn wir von einer höheren Warte aus schauen, dann ist der Mensch als Homo Sapiens scheinbar am Ende seiner Möglichkeiten angelangt. Er hat Großes vollbracht. Goethe und Bach, Gandhi und die Beatles. Hundertwasser und Picasso. Oppenheimer und Lao-tse. Er erfand die Uhr und seine Zeit, flog zum Mond und erklärte die Welt. Er bestimmte Urknall und Quantenverschränkung. Zeit für ein Update. In der Post- Viralen Geschichte werden wir vernetzt sein, offengelegt, transparent. Ein System des Funktionierens, die finale Fassung männlichen Kontrollwahns.

Der neue Typ Mensch ist ein Hybrid. Transhumanismus könnte ein analoges Ideal zu dem werden, was vor 80 Jahren der Arier in Deutschland war. Der neue Mensch ist selbst dann interaktiver Teil der digitalen Welt. Er speist sein SEIN in die sich selbst andauernd optimierende K.I. ein, die nun ihre eigenen Regeln schafft. Freiheit im gewohnten Sinne gibt es hier kaum mehr, denn wie wir gesehen haben, ist diese Freiheit für Mensch und Umwelt kein Gewinn. Der Mensch ist kein Wesen, das Verantwortung übernehmen kann, denn die ist immer an Freiheit geknüpft. Unsere Erfahrung aber zeigte, dass diese Freiheit immer die Unfreiheit des Anderen beinhaltet und schon im Ansatz unkontrollierbar ist, weil spontan. Spontanität als Merkmal des biologisch-lebendigen gilt es aber nun zu kontrollieren, ihm Einhalt zu geben. Individuelle Kreativität muss aufgegeben werden zugunsten einer Kollektiv-Kreativität, die dank ihrer überlegenen Rechenleistung das Risiko des Scheiterns von vornherein minimiert.

Die Epoche des „Ich“ mit seinen sich immerwährend ändernden Bedürfnissen endet. Wir können uns diese Welt nicht mehr leisten. Wir brauchen eine Welt, in dank Kontrolle jede Katastrophe verunmöglicht. Absolute Kalkulierbarkeit erfordert absolute Kooperation. Echte Individualität im Sinne von Selbstbestimmtheit, intellektueller Autonomie und gesundheitlicher sowie ökonomischer Autarkie bedeuten dann Außenseitertum, und das ist eine Gefahr für das sich etablierende System. Das neue posthumane System ist ein sich selbst beobachtendes und selbstregulierendes System, welches ausschließlich nach Kriterien einer selbst definierten Nützlichkeit agiert. „Wir, die Gesundheitsaktivisten, möchten Ihnen daher alles bereitstellen, was nötig ist, damit Sie auf sich selbst aufpassen und sich gesunde Lebensgewohnheiten aneignen können, angepasst an die Bedürfnisse der Zeit, in der wir uns gerade befinden.“ So liest sich die verwaschene Werbung für ein entmündigtes Gesundheitssystem bereits heute (DGV Seguros). „Mehr Telemedizin“, verfügbar in allen Fachbereichen, gleich der Fernwartung meines Computers. Ja, in welcher Zeit befinden wir uns denn? Worüber sollte ich mir Sorgen machen? Und in welcher Zeit befanden wir uns vorher? Der Zynismus an der posthumanistischen Idee ist der, dass es möglicherweise nie einen Humanismus gab. Aufgrund fehlender Fähigkeit haben wir noch nie eine Welt des Friedens und Miteinanders verwirklicht. Dass kritisieren Vertreter des Posthumanismus, ohne allerdings das Eingeständnis, selbst Teil dieser Reflektion zu sein und die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, nie ernsthaft für den Versuch einer friedlicheren Welt eingestanden zu haben.

Das mehrheitliche Denken repräsentiert dann, in dem antizipierten Szenario,   ausschließlich die Konventionen. Als mündig gilt der Angepasste. Er hat sich von seinem Kritikvermögen verabschiedet, was der Betroffene selbst natürlich vehement bestreiten würde. Doch ist er ausschließlich an die einzig zulässige Quelle gültigen Wissens und aktueller Wahrheit angeschlossen, die in scheinbarem Pluralismus alle Medien steuert und synchronisiert. Nur so ist Gleichklang und Friede gewährleistet. Freilich war eine solche Entwicklung schon lange vorher sichtbar, doch „der Wahnsinn wird unsichtbar, wenn er ausreichend große Formen angenommen hat“ (B. Brecht). Der Mensch ist "End- mündig" geworden, denn er spricht mit seinem Mund nicht mehr für sich selbst.

Menschliche Tiefe im Real- Kontakt spielt kaum eine Rolle mehr, denn gerade sie begünstigt Unkalkulierbarkeit. Deshalb werden Lebenswelten immer weiter in virtuelle Räume verlegt. Solche Räume repräsentieren kein „Innen“ mehr, sondern sind „Außen“, sie besitzen also eine höhere Verbindlichkeit und Unmittelbarkeit als physische Welten. Dort sind die Grenzen nicht fest wie in der physischen Welt, sondern sie werden festgelegt. Mittels Algorhythmen lässt sich darstellen, wer ich bin. Der digitale Raum kennt nur Vergangenes, denn „ich“ bin ein Datenvolumen im System. Damit kann ich nie ganz gegenwärtig sein, nie mehr wirklich aus dem Moment heraus. Der digitale Raum kennt Freiheit und Individualität naturgemäß nur in seiner Gestrigkeit.

Da sich Freiheit aber über das nicht - festgelegte definiert, hat sie keinen Raum mehr. Die digital- Reality hat nur eine „Vorderseite“, nämlich die Sichtbarmachung der ihr zugrunde liegenden Parameter. Damit ist ein individuell- mystischer Zugang zur Welt nicht möglich; subjektive Erfahrung  hört auf, erste Erfahrungswirklichkeit und Gültigkeit zu sein. Ihre Unberechenbarkeit und Offenheit ist Teil der Bedrohung.

Kontingenzbewältigung hat als oberster Wert die Freiheit abgelöst, unter der Generalrechtfertigung der „Volksgesundheit“ vereint sich Wahrheitsdefinition zusammen mit Regelformulierung und Gewaltenmonopol zentralistisch beim Staat.

Durch die Abschaffung aller Metaphysik- oder deren Umwandlung in virtuelle Welten- verliert der Mensch endgültig seinen göttlichen Ursprung und seine Anbindung daran. Der Sündenfall ist aus der Welt geschafft, der Mensch wurde wie beim Turmbau zu Babel „wie die Götter“. Er selbst legt das Maß seiner Existenz fest, den Rahmen, der – der metaphysischen Dimension beraubt- nun wild zweidimensional rein materialistisch weiterwuchern kann. Die Suche nach Sinn erübrigt sich, denn Sinn ist bzw. war das auf sich selbst beschränkte Wachstum. Angst wird eliminiert, weil die Welt nahezu vollkommen kalkulierbar und beherrschbar gemacht wurde. Die Weltseele ist online, der Heilige Geist das Internet, die digitale Offenbarmachung meiner Lebenspraxis die Beichte. Die Priesterklasse, verkörpert durch die erlaubniserteilenden Regelinhaber, erteilt uns die Absolution, wenn wir uns demütig und ehrfürchtig den auferlegten Maßnahmen unterwerfen.

All das ist wäre die Krone (Corona) des Versuchs, männlicher Unterwerfung der Schöpfung und Selbstermachtung. Nun ist Gott endgültig tot. Und wir haben ihn getötet. Religionen sind samt Relikte der Vergangenheit und Beispiele menschlichen Scheiterns. Jede religiöse Attitude ist Merkmal verklärter Weltfremdheit und Realitätsferne- es sei denn, sie drückt sich in den Konformitätssymbolen der neuen „Wahrheit“ aus, die dem Träger als „Gläubigen“ Zugang zur Welt ermöglichen- und wenn es so scheinbar banale Dinge wie der Mund- und Nasenschutz ist. Deren Wirksamkeit ist eine psychische, die Grundlage ein Glaubenskonstrukt; damit ist der Mensch wieder im Aberglauben angekommen, welcher sich bekanntlich dadurch auszeichnet, an irrationale Inhalte zu glauben.

Der Mensch, das fühlende Wesen der Innenschau, intuitiv handelnd, “Gestimmt“ und in Beziehung stehend, ist selbst  zur Bedrohung der Freiheit geworden. Er ist Fremdkörper in der Welt geworden. Nun kann er sich aber nicht aus der Welt schaffen, sondern muss seine Umwelt seinem Modifizierungswahn angleichen. Das geht nur in künstlichen Räumen, die auf alle Sphären menschlicher Aktivität auszuweiten sind. Im Real-öffentlichen Raum bedarf es freilich einer ähnlichen Gleichschaltung, bei der nicht tatsächliche Funktionalität, sondern zu demonstrierende Konformität die ausschlaggebende Rolle spielt.

Damit bekommen wir alles Leid langfristig in den Griff- natürlich nur mit den Methoden  patriarchaler Kontrollpraxis. Die Antropomorphisierung der künstlichen Welt ist in Wirklichkeit eine Verkünstlichung der Menschenwelt. Dadurch sind wir in unserem Verortet-Sein in dieser Welt endlich sicher. Das Diktat des Machbaren regiert nun uneingeschränkt.

Damit ist die Menschlichkeit in ihrer Grundcharakteristik abgeschafft. Die Conditio Humana ist transformiert, die Bedingungen des sich im Menschen manifestierenden Bewusstseins sind eingehegt in Prozessor-Intelligenz, die lernt, aber nie versteht, die berechnet, aber nie erkennt. Die Umwelt ist nicht mehr Mit-Welt, sie ist Schauplatz, entsprechend der stillen und jahrtausendalten Konvention, als Mensch hier fremd zu sein. Anstatt ganz Mensch zu werden, „erkennend Gut und Böse“, also moralisch reifes und autonomes Wesen, tritt er hinter diesem Anspruch regressiv zurück, um die eigene Gefährlichkeit in Schach halten zu können.

Die Aufgabe gesundheitlicher Selbstbestimmung war der Anfang des Abgekoppelt –seins von Natur und Natur- Ich. Mit der Bereitschaft, um seiner vermeintlichen Sicherheit willen diese Hoheit aufzugeben, war der Bann gebrochen: „Complience“, Mitspielen heißt die neue Überlebensformel, die mich als Mensch eingliedert in die Große Maschine – eine alte Rolle in neuem Gewand. Wo ist der Ausweg?

Zurück zur Anfangs erwähnten These: kann es sein, dass der Mensch seinen Daseinszweck verfehlt hat? Wäre es möglich, dass das, was wir in der derzeitigen Krise erleben, der regulierende Versuch einer Über-evolutiven Ordnung ist, uns darauf "aufmerksam" zu machen? Wäre ein "Reset" in Richtung Verbundenheit, Kooperation und Liebe möglich? Ein Bewusstsein darüber wäre ein Anfang.

 

 

 

 

 

 

 

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