Schöne alte Welt?

Kurze Überlegungen zu einem wirklich neuen Jahr

Sylvester ohne Feuerwerk, Alltag mit Maske, Weihnachten ohne Familie, Pausenhöfe mit Abstandsmarkierungen, sicher Zuhause, dauer-bedroht draußen: die neue Normalität ist auf ihrem Weg zur neuen Alltagsrealität.

Und laut ist der Ruf nach der „alten Normalität“. Verständlich einerseits, verwunderlich andererseits. War sie denn so heile, die schöne alte Welt? Hat sie uns glücklich gemacht? Oder war sie nur ein Surrogat von Freiheit, von Autonomie, Gesundheit, Selbstbestimmung und kosmopolitischer Offenheit?

Die Wahrheit ist, dass es nicht so weitergehen konnte. Die Gesamtökobilanz unserer Lebenspraktik ist fatal. Nicht nur, dass die Ressourcen dieser Welt nicht für weitere Generationen ungebremsten Konsum erlauben oder die Folgen für die Umwelt irgendwie schon abgefedert werden könnten. Wir übersehen gerne auch, dass wir als Fettschicht unserer Spezies unsere alte Normalität auf dem Rücken von Milliarden wirtschaftlich Benachteiligten ausleben und diese sich das nicht auf Dauer gefallen lassen werden. Und vor allem haben wir vergessen, wer wir wirklich sind. Wir fühlen uns wie Nutzer des Planeten, die hier längere Ferien verbringen und wo diskretes  Personal unauffällig die Minibar auffüllt und Mülleimer leert. Wir haben zwar ins Kalkül genommen, dass der Planet unsere Existenz begründet und ermöglicht, aber dass wir als bewusste Wesen gemeint sind, fällt uns nicht auf. Oder anders gefragt:  dass Evolution ein schöpferischer Vorgang ist, der sich nicht auf das rein biologische beschränkt, der sich in allem Ausdrückt, was er erschafft?  Dass der Planet alles schon in sich trug, bevor es da war? Das Schöpfung im reflektierten Ich- Bewusstsein auf einer neuen Stufe  weitermachen möchte? Das das Gewahrsein seiner Selbst nicht dem dafür erschaffenen Organ, als welches der Mensch gedacht werden könnte, erlauben darf, sich vom Gesamtorganismus abzuspalten und sich zu verhalten als gäbe es kein Morgen?

Frohes Neues Jahr! Buisness as Usual.  Zurück in die Vergangenheit, die uns hierhergebracht hat. Mit all ihrem gewohnten und herkömmlichen Gejammer, mit ihren gewohnten Problemen und Feindbildern, mit ihrer schalen Feierabend- Bier- Zufriedenheit. Welch eine Fantasielosigkeit.

Der wirklich befreiende Schritt könnte darin bestehen, zu bemerken, dass uns hier nicht einfach etwas „geschieht“ oder angetan wird. Wir haben uns unmerklich eine Meta- Mentalität angeeignet und glauben eine Welt zu beobachten, die unabhängig von uns stattfindet. Tatsächlich sind wir selbst das Problem. Oder die Lösung. Wir sind jedenfalls nicht außen.

Wir sollten vielleicht auch bemerken, dass das Festhalten Fortschritt verhindert. Auch an scheinbar Bewährtem- obwohl sich bei genauerem Hinsehen die Bewährtheit meist nur als Gewohnheit entpuppt. Sich weiterzuentwickeln brauchte schon von jeher einen gewissen Leidensdruck.

Diesen erfahren wir jetzt vielleicht dadurch, dass uns wohldosiert, aber deutlich gezeigt wird, dass Freiheit kein Recht ist, welches wir verliehen bekommen. Freiheit ist eine Eigenschaft des Individuums. Das kann der Mensch aber erst sehen, wenn er die volle Verantwortung für sich übernimmt. Dazu braucht es einen gewissen Mut und eine Ehrlichkeit, nicht zuletzt auch um sich einzugestehen, sich nie völlig aus der Rolle des abhängigen Kindes gelöst zu haben. Die Sicherheit und Geborgenheit des Elternhauses –ob wirklich oder nicht- soll nun „Vater Staat“ (oder „Mutti“) übernehmen.

Nach diesem Schritt sieht die Welt anders aus. Wie auch soll mir jemand etwas zugestehen, absprechen, erlauben und vorschreiben, wenn ich doch mündig bin? Bin ich es, so braucht es keinerlei Bevormundung. Bin ich es nicht (oder soll ich es nicht sein), wird die Welt verstehbar so, wie sie ist. Sie ist dann völlig schlüssig. Der ganze gigantische Staats- Kontroll- Gesetzesapparat ist eine Ausgeburt unserer Unfähigkeit, moralisch verantwortungsvoll zu handeln. Er ist die Verkörperung unserer Unfähigkeit, unsere Eigenschaft der Freiheit wahrzunehmen. Er ist die Delegation unseres Sicherheitsbedürfnisses am Rockschoß unserer Mutter.

Schöne alte Welt? Die „alte Welt“- wenn man heute schon davon sprechen darf- ist eine überhöhte, nostalgische Vorstellung, angefüllt mit zur Gewohnheit geronnenen Inhalten unserer Hybris und Ignoranz. Kaum ein Detail davon wirklich zukunftsfähig. Gute Vorsätze also? Ja bitte! Aber nicht im alten Karussell, sondern mit Fantasie, Selbstermächtigung und vor allem mit einem neuen Selbstverständnis.

 

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