Der Mensch – eine unglückliche Spezies?

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Was Verantwortung und Lebensglück miteinander zu tun haben

 Abgesprengt hat sich der Homo Sapiens von seiner Heimatwelt. Nur ihm gelingt es, mit seiner Umwelt in Konflikt zu kommen. Dass er dabei den eigenen Fortbestand bedroht, ist ihm sogar bewusst. Er kann den Weltraum bereisen und in Quantenwelten eintauchen, doch in Harmonie mit seinesgleichen und dem Ökosystem zu leben gelingt ihm nicht. Suche das Problem!

Beginnen wir mit einem einfachen Gedankenexperiment. Angenommen, wir wären selbst gar keine Menschen, sondern Intelligenzen einer anderen Welt. Wir besuchen lediglich ihre Welt; aus einer quasi-göttlichen Perspektive erfassen wir ihre Lebenswelt. Um es uns leicht zu machen, gestehen wir uns diesem Gedankenexperiment allerdings einen Blick durch die Brille menschlicher Wahrnehmung zu: wir verstehen also schon den menschlichen Glücksbegriff, wir kennen Begriffe wie Erfolg, Selbstwertgefühl, Verlust, Angst und Kontrolle.

Mit dieser „Brille“ ausgestattet besuchen wir nun diesen Planeten.

Zunächst stellen wir fest, dass er wie alle Planeten, auf denen komplexes Leben herrscht, durchwaltet ist von Symbiosen: alles dient Allem, alles ist auf kaum zu erfassende Weise miteinander verwoben. Aus diesem planetar- biologischen Dasein hat sich ein Bewusstsein herausgehoben, welches sich in aller Deutlichkeit von dem Rest abgelöst hat: sein Verhalten insgesamt ist herausgefallen aus dem System, er nutzt wie ein Fremder die Möglichkeiten dieses Planeten nicht als Teil, Katalysator oder synergetisch, sondern als reiner Verbraucher.  Damit belastet er die ökologischen und geistigen Systeme über die Maßen, so dass die Dynamik, die jeder Lebensentwicklung zu eigen ist, ihn in ihrem Fortbestand bedroht.

Wir suchen den Fehler. Ohne jeden Zweifel ist das isolierende Ich- Bewusstsein Mitschuld am Verlust des Bezogen seins des Einzelnen auf seine Welt. Doch auch dessen sollte er sich gewahr werden- was er auch partiell tut, wie man zu seiner Würdigung erwähnen muss. Also ist in diesem Verhalten ein Nutzen erkennbar.

Wir stellen auch fest, dass der Mensch fast völlig auf die Zukunft ausgerichtet zu sein scheint. Fast alle Beschäftigung und alle moralischen und ethischen Glaubenssysteme dienen bei genauerem Hinsehen einem antizipierten Zukunftsszenario: dort, an jenem Zeit- Ort in der Zukunft, soll es „besser“ sein. Es scheint, als läge die Erlösung aller Pein an diesem Ort. Das Streben des Menschen scheint überhaupt auf eine Form der Erlösung hin ausgerichtet zu sein, was sich wieder in der als mangelhaft erlebten Gegenwart begründet. Dabei hat der Erlösungsgedanke viele Gesichter. Manche projizieren ihn auf den Tod oder das was ihrer Meinung danach folgt, andere auf eine imaginierte Welt in der Zukunft, viele hoffen auf Erlösung durch Technologie.

Das alles führt bei den Menschen zu einer permanenten Entwertung des JETZT. Die Gegenwart genügt nicht. Sie ist immer unvollständig. Aus der imaginierten besseren Zukunft, die als Bild in die Gegenwart hineinwirkt, strahlt das „Bessere“, welches das JETZT als Übergangszustand erscheinen lässt. Das ist nicht ohne Folge für das menschliche Handeln und auch für sein Selbstverständnis: er sieht sich selbst als ungenügend im Ungenügend der Welt jetzt. Sein Handeln strebt eine Form des Erfolgs an, der Scheitern nicht zulassen kann. Er glaubt tief im Innern an ein quasi- finalen Sieg, einen ultimativen Zustand, der in der Gegenwart ein ständiges „wenn-dann“ Gefühl erzeugt. Damit muss die Welt „untertan“ gemacht werden: sie muss ihre Größe, Unkalkulierbarkeit und Wildheit verlieren. Der Mensch muss sie beherrschen, absichern, versichern, durchqueren, entzaubern, verkleinern. Die Geschwindigkeit muss erhöht werden, in Allem; sie ist ein doppeltes Symbol: zum einen macht sie aus der Welt eine durchweg be-reisbare Fläche, ein Spielbrett, auf dem Distanzen vom Spielwürfel oder vom Einsatzkapital des Spielers geschrumpft werden. Zum Anderen bringt jede Beschleunigung die Zukunft mit ihrer Erlösung scheinbar näher an die ewig unzureichende Gegenwart heran, macht sie greifbarer.

Der Mensch hat unter diesen Überzeugungen, die er völlig verinnerlicht und in seinem Wertesystem normiert hat, den Blick für die größeren Ordnungen verloren. Seine Lebens- und Denkwelten sind vollständig künstlich geworden, sie haben ihre Quelle nicht im Ganzen (im Natürlichen d.h. aus der Natur der Dinge kommenden) sondern im isolierten Denken des Menschen. Er wähnt sich an der Spitze der evolutiven Entwicklung, das dauerverbesserte Selbst. Er ist blind für die offensichtlichsten Grundregeln seiner Welt, geschweige sieht er die Ordnung kosmischer Dimensionen wie z.B.: alles ist zyklisch, Tod und Erneuerung sind zwei Seiten der gleichen Wirkweise, alles ist dual und komplementär, alles strebt zum Ausgleich, Fleiß ist eine Qualität, die der Muse nicht nachsteht und vice versa, jedes Individuum hat ein eigenes Maß an Gaben, Kräften, Veranlagungen, jede Gleichschaltung im Denken und der Aufgabenstellung ist lebensfeindlich... - der Mensch hat sich davon in seinem Bewusstsein isoliert und glaubt nun lieber den Projektionen seines isolierten Geistes, welche sich in seiner Kultur, seiner Wirtschaftsform, seinen Religionen und seinen Technologien widerspiegeln. Auch das Gesetz, dass alles, was man zu verhindern sucht, umso verstärkt auftritt, hat er nicht verstanden. Das Ergebnis ist, dass der Mensch sich müht, die Welt zu verbessern, diese aber in immer mehr Schieflage gerät. Dieses scheinbare Paradox gebiert viele „kleine“ Paradoxien: neben gewaltigen, in ihrer Dimension nicht fassbaren ökologischen Katastrophen werden kleinste Gesten guter Taten beispielsweise in der humanitären Hilfe, dem Tierschutz oder ökologischer Projekte heroisiert und beklatscht. Ironischer weise basiert meist nicht nur die Tat, sondern insbesondere die mediale Verbreitung dessen auf Grundlage der mörderischen Systembedingungen und Ausbeutung der Umwelt.

Soweit das Gedankenexperiment. Wir haben uns nun unsere eigene Spezies angeschaut, eine kurze Studie angestellt, uns vielleicht wiedergefunden. Vielleicht haben wir auch festgestellt, wie sehr wir den Wahnsinn zur Normalität gemacht haben, wie sehr wir im Kern verzweifelt sind.

Wohin mit der Empörung? Die ist unzweifelhaft da. Der Mensch ist nicht völlig blind für seine Misere. Er hat auch das Beklagen delegiert: Kabarettisten sind die neuen Hofnarren, die man konsultiert, um  - nach Entrichtung des Ablasses in Form des Eintrittsgeldes – erleichterten Gewissens seinen unabänderlichen Weg fortsetzten kann, denn: schließlich ist man Teil des Systems, dessen Probleme doch bitteschön auch die entsprechenden Delegierten lösen sollen (Gott, Politik, Wissenschaft). Es ist eine gekaufte Katharsis, die Wahrheit vom Wohnzimmersessel aus zu hören; immerhin ist sie nun bekannt, und irgendwie wird irgendwer es besser machen, als würde all das woanders stattfinden, eine andere Zivilisation betreffen. Aber: die Menschen sind Betroffene. Und betroffen spüren sie, wie zerbrechlich die Welt ist, welche die "Krone der Schöpfung" geschaffen hat.

Wohin mit der Hilflosigkeit, wenn die Delegierten ihrem Auftrag nicht genügend nachzukommen scheinen?  „Was soll ich tun? Was kann ich hoffen?“ fragte ein kluger Mann vor zweihundert Jahren.

Distanz schafft Klarheit, und es wird – je länger man in dieser Distanz verweilt – immer deutlicher, dass es müßig ist, auf Erlösung zu hoffen. Die liegt nämlich nicht im Außen, sondern ein jeder trägt sie mit sich herum, meist unbemerkt. Das, was das Sein durchdringt, das Verwobensein in der und mit der Welt auf jeder sinnlich und übersinnlich wahrnehmbaren Ebene, ist das Heilige. Es ist omnipräsent, immer anwesend. Den Zugang dazu zu finden, obliegt dem Einzelnen.

Die Zukunft wird nie kommen, denn sie kann nie völlig im Jetzt aufgehen. Die Zukunft ist eine Abstraktionsleistung des denkenden und be-herrschen wollenden Geistes. Alle Wirklichkeit ist die Gegenwart. Aus ihr heraus erwächst die Zukunft, und was ich heute säe, ernte ich in meinem morgigen Jetzt. Das meint der Begriff des Karma. Damit komme ich in Frieden mit der Gegenwart, denn die ist das Ergebnis meiner Überzeugungen, Ängste und Erwartungen von Gestern. Das ist nicht immer schmeichelhaft; aber es befreit von der Verhaftung in der Zukunft, meinem Kleben an der Hoffnung auf Erlösung von mir selbst und meinen Problemen und Sorgen. Es lässt mich die Gegenwart annehmen, sie ist Ergebnis meines Seins und der kollektiven Wirklichkeit. In der Gegenwart läuft alle Vergangenheit zusammen. Alles, was je war, gewesen ist, bedingt die Gegenwart. Daher kann ich JETZT alle Macht in meinem Leben übernehmen: nicht, indem ich mich völlig loslöse von allen Verbindlichkeiten und Verpflichtungen, sondern indem ich mir der Macht der Einflüsse und Formungsbedingungen der Vergangenheit klar werde. Ich kann jetzt die Verantwortung für mein Handeln übernehmen und brauche keine Schuldigen, da ich erkenne, dass es ausschließlich in mir lag, so zu reagieren, wie ich reagiert habe. Die Anderen waren und sind lediglich Teil der Umweltbedingungen, denen ich ausgesetzt bin wie dem Regen oder dem Sonnenschein. Ich werte meine Verletzungen durch andere damit nicht ab, aber ich nehme ihnen die zerstörerische Macht in der Gegenwart. Die Vergangenheit ist nicht schlecht und nicht gut, sie ist reine Erfahrung. Alles Unglück kann JETZT enden. Ich sage vollständig JA zu dem was ist , weil es ist und werde frei von dem, von dem ich glaube, dass es kommen sollte. Ich kann nicht ändern, was ist, wohl aber meine Position dazu.

Damit kann das Unglück und mein Leiden darunter enden. Ich erkenne, dass das Unglück letztlich meinem Urteil im Nachhinein entspringt, meiner Bewertung.

Die Probleme im Außen enden damit nicht ganz; sie bleiben äußerlich, was sie sind. Aber: mit der neuen Haltung werde ich lernen, die Gegenwart zu schätzen, Dankbarkeit entwickeln, die sich aus einem projektionsfreien Blick auf die Welt speist, mit all ihrer Fülle und Freude, die ihrer Natur innewohnt. Es beginnt echtes Lernen. Niemand muss uns dazu eine Lehre bringen, denn wir alle sind verbunden mit dieser allumschließenden Wirklichkeit. Die Lehre erschließt sich durch unsere Erfahrung: unser Dasein ist das Lernen und die Lehre. Wir entstammen ihr, sind aus ihr geboren, bestehen aus all ihren Vorbedingungen: die Natur kennt keinen Mangel, sie ist reiner Überfluss. Der Mangel ist ein Produkt des menschlichen Geistes, der sich isoliert und abgesprengt hat von der „Mutter“, die diesen Geist hervorgebracht hat und umgibt. Wenn wir das erkennen, suchen wir unser Glück nicht in der Zukunft, sondern finden es in der Gegenwart. Damit erschaffen wir automatisch eine Zukunft, in der wir neues Glück erzeugen und erfahren werden.

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