Das Problem: warum Leid?

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Die Welt könnte auch anders sein? Ist eine bessere Welt eine Utopie? Ein philosophischer Flirt mit der Problemverliebtheit des Menschen

Als kleine Kinder hatten wir keine, zumindest keine „echten“. Später dann schon, immer größere: die Rede ist von dem, was wir als „Problem“ bezeichnen.

So war es analog dazu auch bei der Entwicklung der Menschheit: begonnen hatte alles mit einem einfachen Leben, in welchem sich das Meiste um die grundlegenden Bedürfnisse drehte: Nahrungsbeschaffung- und Verwertung, Existenzsicherung gegen natürliche Feinde und Umweltbedingungen, Fortpflanzung. Später, als sich das Ego-Ich aus dem Kollektiv-Ich herauslöste verkomplizierte sich das alles: Religionen als übergeordnete und zwischengeschaltete Autoritäten, Staatssysteme, Gesellschaftshierarchien wurden etabliert – bis der heutige Stand eines globalisierten Kapitalsystems als alles durchdringendes  Ordnungs- Regulativ erreicht war.

Ursprünglich wussten wir intuitiv, dass es kein Problem gab. Dass wir eingebettet waren in das große Ganze, welches uns hervorgebracht hat und daher auch zu tragen imstande war. Wir waren in einem kindlichen Sinne geführt und verbunden, waren sicher im Kern unserer Existenz, Teil eines Kreislaufes, dessen physischer Ausdruck unsere Bühne war.

Was fehlte?

Aber: so verbunden und eingebettet hat die Liebe keine Möglichkeit, ihr Wesen und ihre Größe zu zeigen. Wir, gedacht als Verkörperung eines universellen Bewusstseins, hatten keine Möglichkeit, diese Größe überhaupt zu sehen, zu spüren oder auszudrücken. So musste das (Egohafte) Mental- Ich die Führung übernehmen und das mystisch- magische Kollektiv- Ich überwinden.  Letztlich geschieht alles und wird – mithilfe unserer rationell-kognitiven-Leistungsfähigkeit – von uns mit dem Ziel erschaffen, zu FÜHLEN. Alles, was der Mensch tut, hat nur ein einziges tieferes Ziel: Fühlen. Alle Erfahrungen sollen ein Gefühl erzeugen. Nicht nur eine Stimmung (auch das), sondern eine Wirkkraft, die den Menschen als Ganzes erfasst. Alles, was wir tun, auch das, was scheinbar zu den Basics gehört, tun wir, um zu fühlen: ich arbeite, um mir ein Leben zu gestalten, welches sich gut anfühlt. Meine Gefühle sind der Urgrund meines Wesens und damit meiner Selbsterkenntnis: nicht mein Wissen, mein Status, Name, Wohnort, etc. Alle meine Erfahrungen haben zwar eine rationelle Dimension, die mir lebenspraktisch dient; dennoch bin ich nicht die Summe dieser Erfahrung. Ansonsten wäre ich quasi austauschbar mit jemandem, der sehr ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Der Eine verzweifelt an gewissen Erfahrungen, der andere nimmt sie als gegeben, als Chance, als Möglichkeit oder einfach leicht: Zugrunde liegt die emotionale Dimension, die bestimmt, wie ich als Individuum die Welt sehe und gestalte. Ich lebe ein intensives Leben, wenn ich intensiv fühle. Als Formel ausgedrückt: wenn Wissen und Erkenntnis die Breitendimension des Lebens ist, ist Fühlen dessen Tiefendimension. Dabei geht es um Vollständigkeit, auch wenn wir gerne bei der „Auswahl“ unserer Gefühle selektiv sind. Ich bin tatsächlich erst wirklich glücklich, wenn ich alle Gefühle tief annehmen kann, wenn ich mir meiner Ängste bewusst bin. Gerade das macht mich GANZ. Aktiv-Urlaub, Extremsport, Film- und Spielindustrie sind Versuche, die Sehnsucht nach dieser Tiefendimension zu stillen, allerdings nur im Surrogat-Charakter. Sie können authentische Erfahrung nicht ersetzen. Am Totenbett wird nur eines zählen: habe ich ein gutes Gefühl, wenn ich zurückschaue? Kein Erfolg wird mich dann befriedigen, wenn er nicht mit einem entsprechend guten Gefühl verbunden ist. Alle Erfahrung, die wir mittels des Werkzeugs unseres Verstandes anstreben und erzeugen, dient also der Erzeugung von bestimmten Gefühlszuständen. Ganz Mensch sein heißt: ganz fühlen zu können. „Ganz Mensch“ ist dabei nicht unbedingt der Erfolgreiche im Sinne unserer ökonomisierten und Schein- individualisierten Welt, oder derjenige mit dem meisten Wissen, denn Wissen ist lediglich eine Konvention und führt nicht zwangsläufig zur Weisheit.

Angekommen im Chaos

Kurz gesagt: wir erschaffen die Welt und glauben an sie, wir erheben zur allgemeingültigen Wahrheit, was wir glauben wollen; seien es religiöse Ideen oder messbare Ergebnisse aktueller Naturwissenschaften. Wir ziehen Grenzen, beuten aus, hetzen auf, wollen mehr und immer neu. In Folge der vom Menschen geschaffenen Ungleichheit haben wir eine Dynamik erzeugt, die scheinbar unkalkulierbar, unausweichlich und kaum veränderbar ist. Und damit glauben wir an das „Problem“ und verkennen dabei, dass wir an die eigene Projektion glauben.  An dieser Stelle sei ein Sekundärnutzen erwähnt: das „Problem“ liefert soziale Stabilität. Früher war es der Aberglaube, der vereinend wirkte, dann die Delegation aller Macht an übergeordnete Institutionen, gesellschaftliche Rollenstarrheit- das „Problem“ war künstlich geschaffen, lieferte aber in der Folge verlässlichen Zusammenhalt. Jeweils aber war es den Menschen versagt geblieben, ihre ganze Größe zu erkennen und zu leben.

Das „Problem“ hat aber nur auf den ersten Blick eine reale Natur. Aber es hat einen realen Zweck: es soll mich zum Fühlen bringen, ja die ganze mögliche Tiefe des Fühlens auszuloten. Nun ist es ja bekanntlich so, dass es zwei Kategorien von Gefühlen gibt: die angenehmen und die unangenehmen. Letztere würde ich im Normalfall niemals freiwillig herbeiführen. Wie also soll das oben postulierte All- Bewusstsein (Gott selbst) zur Erfahrung der Angst, der Verzweiflung kommen? Am Verstand vorbei, dem großen Regisseur auf der Bühne der Illusionen?

Wir erschaffen ein Problem, welches nach einer gewissen Zeit eine Eigendynamik erreicht, die so stark ist, dass sie als Notwendigkeit, als „Sachzwang“ erlebt und gedeutet wird. Jetzt hat das Ego mit seinem Regisseur, dem Verstand, einen Gegner „da draußen“. Und je mehr gekämpft wird,  umso deutlicher kann die Angst spürbar werden. Und das ist zunächst auch gut so, denn ohne Angst wären wir uns unserer Lebendigkeit kaum bewusst. Gefühle transzendieren das Ego-Ich, führen in die Tiefe zurück zum Selbst und damit zur Anbindung.

Als Beispiel diene der Finanz- Kapitalismus. Wir haben den Planeten regelrecht damit strukturell völlig durchzogen: in der westlichen Welt sichtbar im Status- und Image-denken der oberen sozialen Schichten, in den unteren sowie in den „Entwicklungsländern“ (der Begriff als Etikett alleine zeigt die Diktatur dieses einzig gültigen Glaubenssystems) den Überlebenskampf.  Dadurch, dass der Kapitalismus (scheinbar) die schiere Existenzgrundlage aller bildet, eignet er sich hervorragend für die Arbeit mit dem Gefühl. Praktisch alles, was zum Spektrum emotionaler oder moralischer Negativität gehört, bedient er: Gier, Verlustangst, Existenzangst, Lieblosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Größenwahn, Schuld (-zuweisung), Machtmissbrauch, Ausbeutung, etc. Wir haben einem Tauschmittel erlaubt, uns fast völlig zu bestimmen. Und nein, es wurde uns keineswegs aufgezwungen; wir haben es ermöglicht und ermöglichen es jeden Tag erneut.

Jeder Konflikt, jeder Krieg, sogar jeder zerstörerische Akt an der Natur bringen uns zum Fühlen, erlaubt eine Erlebnistiefe, die im Schlepptau all ihrer Grausamkeit und ihres Schmerzes unsere Liebesfähigkeit sichtbar macht. Der „Thrill“, das ultimativ Unfassbare, soll unsere Existenz überschreiten: erst wenn wir zerstört haben, was wir lieben, erkennen wir, wer wir wirklich sind, was uns wirklich etwas bedeutet und dass unsere wahre Natur unzerstörbar ist. Zerstörbar ist nur die Form, das Außen. Dazu müssen wir wieder und wieder das Ego-Ich zerstören, welches sich in der Form manifestiert hat, nämlich das, was wir für unsere Identität halten. Das Zerstörbare steht dann dem Unzerstörbaren gegenüber und macht es sichtbar. Das Selbst ist nicht zerstörbar, es definiert sich nicht über seine dinghafte Identität:  persönliche Geschichte, Namen, Titel, Drama – all die Dinge, die wir gerne wieder und wieder erzählen weil wir sie für unsere Identität halten. Dieses Ego-Ich ahnt seine Sterblichkeit, denn es ist bedingt; seine Existenz hängt eben an der Existenz dieser Dinge, der Form, der Äußerlichkeit. In der Demenz löst es sich auf. Tatsächlich löst es sich jede Nacht partiell auf, wenn wir schlafen;  am Morgen erinnern wir uns an unsere angenommene Identität von gestern und bemerken nicht, wie sehr wir unserem Ego-Ich auf den Leim gegangen sind. Alles ist Erinnerung, jeder Moment erschafft sich aus der Erinnerung des vorangegangenen. Das ist keine „esoterische“ Aussage; sie ist der Quantenphysik ein verifizierter Fakt. Stabile Zustände gibt es demnach nicht; alles nimmt Form aus der Potentialität gemäß einer größtmöglichen Wahrscheinlichkeit an und die Welt erschafft sich andauernd neu- für uns also gemäß der von uns vorher „eingespeisten“ Glaubenssätze. Wir halten unsere eigentliche Identität für die Fortsetzung unseres gestrigen Ichs,  die Aufhäufung aller unserer gemachten Erfahrungen. Das ist in Ordnung, nur ist es ein fataler Fehler, dieses Ich für alles zu halten, was mich belebt und ausmacht, ja was meine wahre Natur ist. Das weiß dieses Ego-Ich und versucht, eine Stellung einzunehmen, die es nicht einnehmen kann. Es möchte sich unsterblich machen!

Dazu erschafft es im günstigsten Fall unsterbliche Werke in der Architektur, Kunst, Literatur oder der Musik. Dort kann ich Erhabenheit fühlen, Schönheit fühlen, Verbundenheit jenseits aller formulierten Begriffe fühlen. Im ungünstigen Fall erschafft das Ego-Ich Probleme, mit deren Bewältigung der Mensch überfordert ist: die Atombombe, die Zerstörung des Planeten, die Übermacht des Kapitalmarktes. In all dem kann es wieder tief fühlen.

Und die Liebe hat immer aufs Neue die Möglichkeit, stärker zu sein, auch das furchtbarste zu durchdringen und Licht hinein zu bringen. Die Liebe kann erst sein, wenn ihr Gegenteil ist.

Vielleicht erfährt der Mensch die Vollständigkeit des Lebens erst im Sterben, weswegen unser Kollektivbewusstsein den Kollektivtod anstrebt. Der Philosoph Karl Jaspers sagte  bereits 1932: „Nach aller Erfahrung von Menschen in der Geschichte wird auch das Furchtbarste, das möglich ist, irgendwann und irgendwie, von irgendjemandem vollbracht.“

Wir glauben deshalb an das Problem. Es ist alternativlos. Wir haben uns abhängig gemacht von einer „Mega-Maschine“ (Heidegger), einem System, das uns betreibt, nicht mehr umgekehrt. Wir haben die Intensität langsam erhöht und nun fühlen wir unsere Ängste. Tatsächlich folgen aber die universellen Gesetzmäßigkeiten unserem Glauben, nicht umgekehrt. Damit schaffen wir – höchst spirituell – höchst reale Probleme. Letzten Endes muss gefühlt werden. Und: das Ego-Ich und sein „Regisseur“ müssen erkennen, dass seine Bühne eine Illusion ist, ein Werkzeug des Erkenntnisgewinns. Sie ist ein Mittel zum Zweck, Bewusstsein und Liebesfähigkeit auszudehnen.

„Erkenne dich selbst!“- unter diesem Imperativ bewegen wir uns, angetrieben von der gravitativen Wirkung des Willens hin zum größtmöglichen oder tiefst möglichen Fühlen. Daher muss auch alle Erfahrung, alles Scheitern vollständig werden: nämlich bis klar ist, dass das Problem nur solange besteht, bis es uns vollständig die damit ermöglichten Gefühle in uns erzeugt hat und wir erkennen, wer wir wirklich sind. Dann können wir den furchtbaren Zirkel verlassen, der uns zwingt zu glauben, alles in diesem einen Leben, in welchem ich mich vorfinde, verwirklichen zu müssen. Dann sehen wir Leid nicht als sinnlose Folge menschlichen Wahns oder boshaftes Werk des Teufels.

Vielleicht begreifen wir die Dinge erst wirklich, wenn wir sie zerstören. Vor dem Hintergrund unserer moralischen Konditionierungen klingt das vielleicht inakzeptabel. Wertungsfrei betrachtet scheint es unsere Natur zu sein, Probleme zu erschaffen, um uns selbst zu erkennen. Poetisch drückt es Nietzsche aus:

 

 

„Ja! Ich weiß, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

glühe und verzehr` ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich!“

 

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